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Suzie Washington

A 1998. R,B: Florian Flicker. B: Michael Sturminger. K: Robert Neumüller. S: Monika Willi. D: Birgit Doll, August Zirner, Wolfram Berger, Karl Ferdinand Kratzl u.a.
87 Min. Vision ab 31.12.98
Von Claus Löser Mit hellwachen Instinkten bewegt sich die soeben aus dem Transitraum des Wiener Flughafens geflohene Georgierin Nana Iaschwili durch die Szenerie. Zielsicher mischt sie sich unter eine soeben eingetroffene Reisegruppe aus New York, rollt wenig später Richtung Hauptstadt. Nur die zombiehaft lächelnden Reisebegleiter in ihren akkuraten Dienstuniformen nerven, fordern penetrant-freundlich: »Your ticket, please!«. Nana entschuldigt sich, der Flugschein befände sich bei ihrem Reisegepäck, im Kofferraum des Busses. Beim ersten Zwischenstop lotst sie den weiterhin auf dem Ticket insistierenden jungen Mann immer tiefer ins Innere des Kofferdepots: »Yes, this one, in the back…« Um dann, in bester Hänsel-und-Gretel-Manier, blitzschnell die Klappe zuzuschlagen und das Weite zu suchen.

Ohne Umwege verstehen es Regisseur Florian Flicker (Halbe Welt), Drehbuchautor Michael Sturminger und natürlich Darstellerin Birgit Doll als Nana bzw. Suzie Washington, die Sympathien zu portionieren und die Handlung zu forcieren. Doch anders als es der Plot zunächst nahezulegen scheint, geht es ihnen nicht um eine polemische oder politisch korrekte Abhandlung zur Flüchtlingsproblematik: Nana/Suzie fungiert nur als Vehikel, nur als Medium für eine bitterböse Selbstreflexion rot-weiß-roter Befindlichkeit.

Zugleich erzählt die Heldin als resolute Alice im Mozartkugelland eine universelle Geschichte von Heimatverlust und -suche sowie von der Magie und Beschränktheit zwischenmenschlicher Verständigung. Auch in der zweiten Hälfte des Films, wenn vom anfänglichen Road Movie sanft zum finalen Kammerspiel übergeleitet wird, behält die Handlung ihre scharfe Akzentuierung bei. Wolfram Berger als Hüttenwirt an der deutsch-österreichischen Grenze vermag (an Harvey Keitel erinnernd), der Dramaturgie des geschlossenen Raumes eine glaubhafte menschliche Dimension abzugewinnen, die von vornherein zum Scheitern verurteilte Beziehung zur flüchtigen Asylantin mit Leben zu erfüllen.

Seine Figur zeichnet sich, wie auch der gesamte Film, durch ein überaus wohltuendes Maß an Understatement aus – stets wird mehr angedeutet als ausformuliert. Jeder Einstellung von Suzie Washington wohnt deshalb mehr Bescheidenheit und zugleich Begabung inne als dem Gros der aktuellen deutschen Leinwandproduktion.

Felix Austria? 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #13.
© 2012, Schnitt Online

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