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Superstar

USA 1999. R: Bruce McCulloch. B: Steve Koren. K: Walt Lloyd. S: Malcolm Campbell. M: Michael Gore. P: SNL Studios. D: Molly Shannon, Will Ferrell, Elaine Hendrix, Harland Williams, Mark McKinney, Glynis Johns u.a.
81 Min. UIP ab 16.11.00

The Virgin Suicides

USA 1999. R,B: Sofia Coppola. K: Edward Lachman. S: Melissa Kent, James Lyons. M: AIR. P: American Zoetrope. D: Kirsten Dunst, Josh Hartnett, Kathleen Turner, James Woods, Hanna R. Hall, Danny DeVito u.a.
96 Min. TiMe ab 16.11.00

Zwei neue Teenie-Lutscher

Von Norbert Parzinger Filmtrends kommen in Wellen. Manche, aus der Ferne gesehen nichts besonderes, türmen sich ohne Vorwarnung meterhoch auf, schlagen krachend um, ergießen sich weit über das Land, laufen langsam strudelnd ab und hinterlassen eine Topographie, in der nichts mehr so ist, wie es vorher war. Und dann gibt es die, die jahrelang nur so dahinplätschern, einer nach dem anderen, ohne großes Getöse, und hier und da ein bißchen am Ufer lutschen, aber nichts weiter bewegen. Für Badegäste, die das Meer nur ein paar Tage im Jahr sehen, reicht das aus, um Spaß zu haben; aber damit die Einheimischen noch Jahre später davon reden, muß schon wirklich etwas passiert sein. Lutscher interessieren nicht.

So könnte man einigermaßen das Problem umschreiben, das ein auch nur halbwegs anspruchsvolles Publikum mit der anhaltenden Flut der High-School-Filme hat. Exemplare aus diesem Genre zu verreißen, ist nicht nur keine Kunst, es ist bei vielen Kritikern schon Reflex. Die meisten (Teeniefilmchen, nicht Kritiker) laufen ohnehin mit dem Schild »Schlag mich« vor dem Bauch herum, und fast möchte man Mitleid haben mit diesen harmlosen Stückchen Alltagskultur, die doch gar nicht geistreich, sondern nur lustig sein wollen. Jemand, der den großen Namen Coppola trägt, muß jedenfalls ziemlich mutig oder ziemlich schwer zu beeindrucken sein, wenn er, bzw. sie, in den Mittelpunkt des ersten eigenen Films ausgerechnet ein paar kleinbürgerliche Vorstadtjugendliche stellt.

Sofia Coppola (ja, die Tochter) hat ihre Geschichte im Michigan der späten 70er angesiedelt; es geht um die fünf Teenagerschwestern Lisbon, deren jüngste sich nach einer Party umbringt. Seitdem werden sie von ihren einsiedlerischen Eltern streng unter Verschluß gehalten – die Jungs aus der Nachbarschaft sind gerade deshalb völlig fasziniert, aber alle Annäherungsversuche scheitern. Dem lässigen Footballhelden und Frauenliebling Trip Fontaine gelingt es schließlich, Lux Lisbon nach einem mühsam eingefädelten Ballabend auf den Sportplatz zu entführen, wo »es« dann passiert. Doch am Morgen nach ihrem »Virgin Suicide« wacht Lux im nassen Gras auf und ist allein. Im weißen Ballkleid geht sie in der Morgendämmerung über das verlassene Spielfeld, winzig klein in dem riesigen Stadion, ein Engel, der auf die Erde gefallen ist und sich wehgetan hat bei seinem Sturz.

Bilder wie diese, befremdlich, bezaubernd, heben The Virgin Suicides aus dem seichten Geplätscher des Genres heraus. Wirklichkeit und Wahrscheinlichkeit interessieren hier nicht; die Story ist ein Gleichnis vom Erwachsenwerden, vom unsanften Erwachen aus einer kindlich-reinen Traumwelt. Sofia Coppola benutzt die Pubertät nicht als Vehikel, sie stellt sie in den Mittelpunkt. Warmes Morgenlicht, sommerliche Vorstadtstraßen und pastellfarbene Kinderzimmer liefern dazu eine heiter-gelassene Atmosphäre, die die sanft schwebenden Synthetikklänge der französischen Retrokapelle AIR besser untermalen, als das irgendein echtes 70er Jahre-Stück könnte. Visuelle Einfälle wie Zeitrafferaufnahmen oder endlose Schwenks, Metaphern wie die der sterbenden Alleebäume addieren eine unwirkliche, fast magische Nuance. Die attraktiven Schwestern werden zu überirdischen Erscheinungen verrätselt, das lange blonde Haar weht im goldenen Gegenlicht; sie räkeln sich in ihren Schlafzimmern und locken mit Briefchen und Lichtzeichen, doch wer sie berühren will, greift ins Leere. Unerfüllbare Traumbilder sind sie, die nie ganz verlöschen werden und die den zerbrechen, der sie entzaubern will.

Perfekt erzählt ist das alles nicht. Immer wieder geht gleich fünfminutenweise der Faden verloren; richtig schwach sind die pflichtschuldig eingebauten Witzchen – lahme Ideen, überlang ausgewalzt. James Woods kann gegen seine eindimensional-alberne Rolle als Vater Lisbon nicht viel ausrichten; »Peggy Sue« Kathleen Turner darf dafür als gehemmt-desperate Mutter der Selbstmordschwestern ihr Image völlig auf den Kopf stellen, und sie hat auch sichtlich Spaß daran. Darstellerisch überragend ist aber nur der Nachwuchs.

The Virgin Suicides adaptiert Jeffrey Eugenides' gleichnamigen Bestsellerroman – ein echter Glücksgriff und für Coppola das Buch, das ihren Wechsel zur Regie erst motiviert hat. Der große, rostige Haken daran ist nur, daß sie es zu sehr liebt. Um ganze Strecken zitieren zu können, gibt sie die Story einem Erzähler in die Hand: einem der Jungs von nebenan. Die allerdings stehen ziemlich ratlos vor der Wand, die sie von den Mädchen trennt, und so macht sich auch der Erzähler schnell daran, vor dem Zuschauer eine Barriere aus Ratlosigkeit aufzumauern. So feinfühlig die Bilder Wunder und Wunden des Heranwachsens erklären wollen, so instinktsicher Coppola die Thematik auch von außen beleuchtet – ein tieferes Vordringen bleibt Ambition.

Mit einem anderen Anspruch ist Bruce McCulloch ans Werk gegangen, durchaus erfolgreich übrigens: Sein Superstar zeigt sich Filmchen wie Ungeküßt oder Road Trip intellektuell noch haushoch unterlegen. Flach, einfältig, gar nicht erst bemüht, sein dürftiges Handlungsgerüst zu verkleiden, setzt dieser Film ein so anspruchsloses Publikum voraus, daß sich der Regisseur die Frage gefallen lassen muß, für wie doof er seine Zuschauer eigentlich hält.

High-School-Außenseiterin Mary Katherine Gallagher ist in den Mädchenhelden Sky verknallt, aber die schöne, böse Evian steht im Weg. Da hilft nur eins, Mary Katherine Gallagher muß ein Superstar werden, denn wenn jeder sie mag, wird auch Sky sie mögen. Praktischerweise veranstaltet die Schule gerade einen Talentwettbewerb; Mary Katherine Gallagher tritt an, Evian sabotiert, Mary Katherine Gallagher gewinnt im letzten Moment, Sky ist plötzlich irgendwie doch doof, und Mary Katherine Gallagher reitet stattdessen mit dem seltsamen Slater in den Sonnenuntergang. Mary Katherine Gallagher, kreiert und verkörpert von der rüstigen Mittdreißigerin Molly Shannon, die in der Schuluniform wohl schon seit einigen Jahren ziemlich merkwürdig aussieht, gehört zu den festen Figuren der US-Fernsehshow »Saturday Night Live« und funktioniert da sicher auch ganz gut. Mit einer solchen Figur ins Kinokomödiengeschäft aufbrechen zu wollen, ist allerdings ein Schritt, den selbst aus dem SNL-Kader schon viele bereut haben. Sketchkonzepte platzen leicht, wenn man sie auf 90 Minuten aufbläst; das zum siebenundfünfzigsten Mal zu beweisen, war eigentlich überflüssig.

Immerhin hat McCulloch sich dabei Mühe gegeben. Die Charaktere, wenn diese Bezeichnung hier überhaupt zulässig ist, tragen meterdick »Stereotyp« auf der Stirn geschrieben; hin und wieder parodistisch angehaucht, folgt der Humor nicht ausgetretenen, sondern schon völlig zertrampelten Wegen und tritt fröhlich auf die billigsten und offensichtlichsten Opfer ein. Wirklich erstaunlich ist jedoch bei einem Team, das größtenteils aus dem TV-Comedy-Geschäft kommt, daß auch die schnellen Gags nicht funktionieren. Im Gegenteil, quälend langsam und meilenweit vorhersehbar schleppt sich das dahin, was den Film mangels sonstigen Inhalts eigentlich tragen müßte. Nur etwa alle zwanzig Minuten schaut ein kleiner, grotesker Höhepunkt hervor, der dem Zuschauer ein verwundertes Schnauben entlocken könnte; das war es dann aber auch schon wieder. Und so sehr Molly Shannon auch schuftet für ihre Mary Katherine Gallagher – zwei Grimassen reichen nicht für einen Film, vor diesem Problem steht auch der Rest der Besetzung.

Die beiden neuesten Stücke, die die oben zitierte Teenagerkomödien-Flut ans Ufer geschwappt hat, könnten also gar nicht unterschiedlicher sein – das obere und das untere Ende des Genres, gewissermaßen. Sofia Coppolas Regiedebüt ist kein genial-gigantomanisches Meisterwerk geworden, aber auf seine leise, eindringliche Art durchaus gelungen. The Virgin Suicides hat genug Kraft, um fade Pubertätsklischees wegzuspülen; die Sandburg ist kaputt, vielleicht machen sich die Urlauberkinder ja ihre Gedanken darüber. Über Superstar macht sich hoffentlich keiner Gedanken, höchstens darüber, was er mit dem verlorenen Kinoabend alles hätte anfangen können. Endlich das Fahrrad flicken, zum Beispiel. Eierwärmer häkeln. Aus dem Fenster schauen. Alles attraktive Vorstellungen, im Vergleich. 1970-01-01 01:00
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