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Super süß und super sexy

The Sweetest Thing. USA 2002. R: Roger Kumble. B: Nancy M. Pimental. K: Anthony B. Richmond. S: Wendy Greene Bricmont, David Rennie. M: Edward Shearmur. P: Konrad-Pictures. D: Cameron Diaz, Christina Applegate, Thomas Jane, Selma Blair, Jason Bateman, Parker Posey u.a.
88 Min. Columbia ab 10.10.02

Erhobener Zeigefinger

Von Annika Höppner Christina Walters, bekannt für ihren Männerverschleiß ist super süß und super sexy. Weniger süß finden es ihre am gebrochenem Herzen dahin vegetierenden Ex-Lovers, eiskalt abserviert worden zu sein. Sie haben Christinas Machtspiel verloren, waren sowieso nur für die Bezahlung ihrer Drinks und Komplimente zuständig. Zusammen mit ihrer besten Freundin amüsiert sie sich auf Kosten der treu- doofen, immer wieder auf sie reinfallenden Männerwelt, bis sie merkt, das sie eigentlich nur auf der Flucht vor der wirklichen Liebe, The Sweetest Thing ist.

Der deutsche Filmtitel Super süß und super sexy ist eine absolute Fehlübersetzung, soll der Film doch männermordenden Wesen klar machen, daß sie sich nichts anderes wünschten, als endlich in einem Traum von weiß mit Mr. Perfekt vor dem Altar zu stehen. Das läßt der Originaltitel The Sweetest Thing von Anfang an klarer werden und hebt so den moralischen Zeigefinger über Christinas Überzeugung, der Sinn des Lebens sei, sich möglichst grenzenlos zu amüsieren. Christinas Läuterung wird Schritt für Schritt im Film vollzogen, der jeweilige Entwicklungsstand ist an ihrem T-Shirt – anfangs rot, dann rosa und am Ende jungfräulich weiß – leicht abzulesen. Wie eine Anleitung zurück zum Rechten Weg für maßgeblich fehlgeleitete Personen kommt der Film recht demonstrativ und simpel daher – wären da nicht die stellenweise durchscheinende Selbstironie und die eingeflochtenen Slapstickeinlagen.

Die schauspielerische Leistung von Diaz ist witzig und realistisch, der Plot eher reduziert, konstruiert und vielleicht gerade noch real vorstellbar. Der Umsetzung jedoch fehlt es völlig an Realitätsnähe und der Witz wird auch nur mittels allzu demonstrativen Lacheinsätze fürs Publikum präsent. Dabei sind die als humoristisch geplanten Einlagen so übertrieben, daß sich der Film in Richtung Persiflage bewegt. Das würde den Film fast retten, wäre da nicht die moralisierende Geschichte – zwar mit einer Art Sarkasmus erzählt – die sich ganz und gar nicht in das Kostüm der Persiflage zwängen läßt. Nur in den musical-artigen Zwischenszenen wird sich über die den Zeigefinger hochhaltende Geschichte selber lustig gemacht. So überzeichnet diese Szenen sind, so klar zeigen sie die Idiotie einiger Mechanismen der mediengeprägten Gesellschaft.

Als heimlicher Nachfolger von Verrückt nach Mary nimmt auch Super süß und super sexy das Thema der Suche nach wahrer Liebe auf. Gemeinsam ist beiden Filmen ihre Konstruiertheit und der bis zur Schmerzgrenze übersteigerter Klamauk. Zum Glück hat sich wenigstens der inzwischen standardisierte Flachwitz nach dem Motto »nicht lachen verboten« ein bisschen erhoben und läßt nun Slapstick-Einlagen nicht mehr völlig aus dem Nichts erscheinen sondern Teil einer weniger schreienden Situationskomik werden.

Nun wäre es wirklich schrecklich, dieses simple Plädoyer für den Ehestand so ausgehen zu lassen, wie man es von einer guten, Werte vermittelnden amerikanischen Liebeskomödie erwarten würde. Fast am Ende angekommen, bekommt der Film doch noch mal die Kurve, stellt sich selbst in Frage und läßt den Zuschauer leicht irritiert zurück. So wird der langsam aufgebaute Lehrbuchcharakter dank eines offenen Endes wieder zurückgenommen und läßt Platz für alternative Lebensanschauungen. 1970-01-01 01:00
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