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Super Size Me

USA 2003. R: Morgan Spurlock. K: Scott Ambrozy. S: Stela Gueorguieva, Julie »Bob« Lombardi. P: The Con.
100 Min. Prokino ab 29.7.04

Burger Initiative

Von Daniel Bickermann Die Dokumentation ist zurück, und zwar im großen Stil. Besser noch, das traditionell eher spröde und verkopfte Genre scheint plötzlich dort angekommen, wo es nie hinzukommen glaubte: in den Multiplexen. Das hat nur am Rande mit der derzeitigen Tendenz zur Politisierung des Alltags zu tun, vor allem ist die erfreuliche Renaissance dieses so wichtigen Filmtyps einer Gruppe von Filmemachern zu verdanken, die innerhalb der letzten drei Jahre durch eine Reihe von ebenso inspirierten wie unterhaltsamen Dokumentationen überhaupt erst ein Fundament für diesen neuen Markt geschaffen haben.

Wer hierbei nur an Michael Moore und seine wohldurchdachten Polemiken denkt, vergißt Filme wie Capturing the Friedmans, The Fog of War, Bus 174 oder auch Touching the Void, die nicht nur gutes Geld eingespielt haben, sondern sich auch ernsthaft und dezent ihren teils hochkomplexen Themen genähert haben. Morgan Spurlock nun tut dies nicht, sein Frontalangriff gegen den amerikanischen Freßwahn startet als irgendwie ziellose, aber immer gutgelaunte Farce. Und trotzdem ist die Nennung seines Namens im selben Atemzug mit Michael Moore nur bedingt berechtigt, und der Verleih war schlecht beraten, diesen Vergleich zum Hauptwerbekriterium zu erheben.

Sicher, auch Spurlock ist ein Renegade-Filmemacher, und sein Selbstversuch, sich einen Monat lang den zunehmend schmerzenden Bauch nur mit Fast Food vollzustopfen, erinnert mehr an Jackass – The Movie als an Gesellschaftskritik. Aber wo Moore gehetzt und atemlos wirkt, gönnt sich Spurlock viele nachdenkliche Momente. Und während Moore von der Rücksichtslosigkeit des Rechtschaffenen getrieben wird, ist Spurlock eher ein Zweifler und Zögerer. Er ist vor allem sich selbst gegenüber rücksichtslos, und der wichtigste Vorzug seines dokumentarischen Freßtagebuchs ist die erstaunliche Tatsache, wie sehr er seinen Teil im Film zurückgenommen hat, zugunsten von Fachleuten, die Super Size Me eine dringend benötigte wissenschaftliche Note geben, und zugunsten seiner Umwelt, deren Vorwürfe ob seiner Selbstgefährdung er beschämt über sich ergehen lassen muß. Hätte Morgan Spurlock nur sich selbst beim Essen beobachtet, es wäre nicht mehr als eine Filmspule voll kulinarischer Propaganda geworden. Erst indem er schweigt und statt dessen andere beobachtet, die ihn beobachten, wird es eben auch ein Film über den Menschen Morgan Spurlock.

Und das ist das Porträt eines Mannes, der selbst nie genau weiß, worauf er sich da eingelassen hat. Die haarscharfe Rettung seines Films vor der Belanglosigkeit und einem aufgesetzt-dümmlichen Tonfall kommt in der unerwarteten Form eines schleichenden, aber radikalen Stimmungswechsels. Während zu Beginn von Super Size Me noch Queen ihre Vorliebe für »Fat Bottomed Girls« herausgrölen und Spurlock sich über das Entsetzen seiner veganischen Freundin lustig macht, wird aus dem eher harmlosen kulinarischen Projekt schnell ein Alptraum. Spurlock steht schon nach zwei Wochen Fast Food kurz vor dem Abbruch des Experiments, weil er inzwischen von Atemnot und Depressionen geplagt wird und ein ernsthaftes Leberversagen unvermeidlich scheint.

Die freudige Erwartung unangenehmer Folgen der Diät (das erste »McBauchweh« wird noch fröhlich gefeiert) ist umgeschlagen in wortloses Entsetzen. Aber statt diese neue Wendung zur Selbstbeweihräucherung zu nutzen und sich als Opfer zu stilisieren, bleibt Spurlock selbst nach dieser harten Wendung klug genug, selbst zu schweigen und dafür seiner Umwelt um so genauer zuzuhören. Er wird belohnt mit einigen der treffendsten Kommentare, die man sich für so einen Film nur wünschen kann: Die betreuende Ernährungsberaterin versucht zunehmend verzweifelt, dem Protagonisten aus dem vorgegebenen McDonald's-Speiseplan die am wenigsten schädlichen Speisen und Getränke auszusuchen.

Seine Freundin berichtet halb grinsend und halb sorgenvoll von der derzeitigen Impotenz des Filmemachers. Und der behandelnde Arzt, der sich die Leberwerte nach zwei Wochen Fast-Food-Diät anschaut, fragt Spurlock unumwunden: »Haben Sie schon mal Leaving Las Vegas gesehen?« 1970-01-01 01:00

Abdruck

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