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Sugar Orange

D 2004. R,B: Andreas Struck. K: Andreas Doub. S: Philipp Stahl. M: Erlandas. P: Jost Hering Filme. D: Lucas Gregorowicz, Sabine Timoteo, Hyun Wanner, Bruno Cathomas u.a.
82 Min. Jost Hering ab 3.11.05

Psychogener Bilderreigen

Von Patrick Hilpisch Die Kindheit ist die prägende Phase im Leben eines Menschen. Hier werden zentrale Weichen charakterlicher Entwicklung gestellt, Wertegrundlagen internalisiert und soziale Kompetenzen erlernt. In diesem Entwicklungsabschnitt ist die kindliche Psyche als äußerst fragiles Gefüge einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt. Die Gefahr, Traumata davonzutragen, die bis weit ins Erwachsenenalter ausstrahlen, schwebt über nahezu jeder emotionalen Extremsituation. In Andreas Strucks neuem Spielfilm überschattet ein eben solches, unverarbeitet gebliebenes Kindheitstrauma die Existenz des Protagonisten.

Leo und Clemens sind nicht nur Spielfreunde, sie sind unzertrennlich, teilen alles miteinander. Sie sind: Mr. Sugar und Captain Orange. Ein Fahrradrennen mit fatalem Ausgang ändert alles – Leo stürzt schwer und entgeht nur knapp einer Querschnittslähmung. Doch anstatt seinem Freund beizustehen oder Hilfe zu holen, läßt Clemens seinen bewegungsunfähigen Freund allein im Wald zurück. Erst nachts wird der Junge geborgen. Doch Leo wird nicht nur diesem einschneidenden, kaum zu intensivierenden Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit ausgesetzt, sondern muß nach seiner Genesung auch noch mit ansehen, wie der von Schuldgefühlen geplagte Clemens den Kontakt zu ihm gänzlich abbricht.

Regisseur Struck etabliert dieses bedeutende Handlungselement nicht klassisch, in Form einer Exposition, sondern versorgt den Zuschauer im Laufe des Films immer wieder mit Informationsfetzen, die sich patchworkartig zu einem Bild nachhaltiger seelischer Erschütterung zusammensetzen und den dramatischen Entwicklungen der Lovestory des Haupterzählstrangs Tiefe verleihen.

Schon in den ersten zehn Minuten des Films wird klar, daß die traumatische Erfahrung im Kindesalter Leo zu einem bindungsunfähigen, latent paranoischen Twentysomething heranwachsen lassen hat. Oberflächliche Affären und emotionale Abschottung sind die Symptome seiner Angst vor erneuter Zurückweisung, Verlust und Enttäuschung. Das Vermeiden tiefergehender affektiver Bindungen dient ihm als Selbstschutzmechanismus. Andreas Struck findet für diese »freiwillige« Isolation eindrucksvolle visuelle Entsprechungen, läßt vornehmlich die Architektur der Räume, nicht die sich in diesen bewegenden Figuren, sprechen und überzeugt mit einer assoziativen Bildsprache, ohne sich in affektierter Metaphorik zu verlieren.

Mit viel Mut zu narrativen Leerstellen, audio-visuellen Irritationsmomenten und einem bemerkenswerten Vertrauen in die Suggestivkraft seiner Bilder erzählt Sugar Orange im Folgenden von Leos Versuch, aus seinem selbsterrichteten Käfig auszubrechen.

Die aufkeimende Liebe zu Lena scheint da zunächst ein gelungener Anfang. Doch die Phasen harmonischer Zweisamkeit, die sich primär durch sprachlose, jedoch durchaus zärtliche Körperlichkeit auszeichnen, werden immer wieder durch Leos Kommunikationsunfähigkeit und den übermächtigen Schatten auf seiner Seele, der sich in Alpträumen und heftigen Stimmungswechseln Bahn bricht, unterbrochen.

Als sein älterer Bruder, der in einer homosexuellen Beziehung mit Clemens lebt, einen (erneuten) Schlichtungsversuch unternimmt, das Trauma somit aus dem Unterbewußtsein an die Oberfläche »zerrt«, kann Leo nur mit jahrelang kultiviertem aggressiv-evasiven Verhalten reagieren. In der Flucht nach Brandenburg und den dortigen Geschehnissen spiegelt sich dann erneut auf anschauliche Weise die psychopathologische Natur der Bindungsunfähigkeit des Protagonisten. Trotz Leos offensichtlicher Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, die sich in seiner Kontaktaufnahme zur Basketball-Clique und seiner fragilen Beziehung zu Lena ausdrückt, verliert er sich in festgefahrenen Handlungs- und Reaktionsmustern, begegnet seiner Umwelt mit Eifersucht, realitätsvernebelnder Egozentrik und trotziger Abkapselung. Struck parallelisiert solche Sequenzen mit Szenen aus Leos Kindheit unmittelbar nach dem folgenschweren Unfall und macht somit klar, daß die damaligen Ereignisse nichts an Wirkmächtigkeit eingebüßt haben.

Die Exploration der Innenwelt des Protagonisten setzt sich auch auf der Tonspur des Filmes fort, denn der pointierte, unkonventionelle Einsatz von Musik und akustischen »Manipulationen« ermöglicht ein facettenreiches auditives Ausloten der psychischen Verfaßtheit Leos. Die subjektivierenden Irritationsmomente der Bildebene finden hier ihre tonalen Entsprechungen.

Ungeachtet oder gerade wegen der offensichtlichen Reduktion auf der Handlungs- und Dialogebene bleiben Strucks Charaktere glaubhaft, rücken nicht in Sphären psychologisierender Abstraktion. Wo tausend Worte nach entsprechenden Erklärungen suchen würden, bietet der Regisseur die emotionale Unmittelbarkeit seiner Bilder, die durch die ihnen innewohnenden Interpretationsspielräume ihre Tiefe offenbaren.

Ob die bedeutungsschwangere Metaphorik der letzten Einstellungen des Films eine Katharsis einläutet, ob die längst überfällige direkte Auseinandersetzung zwischen Leo und Clemens einen Ausbruch aus dem zirkulären psychogenen Isolationszustand, eine Überwindung der Bindungsängste ermöglicht – dies bleibt interpretatorisch offen, sogar die Möglichkeit einer erneuten Projektion Leos, eines »bloßen« Tagtraums, wird angedeutet.

Andreas Struck hat mit Sugar Orange einen wahrhaft filmischen Film erschaffen, der es trotz eines rudimentären Handlungsgerüsts und reduzierten Dialogen versteht, mittels einer emotional eindringlichen Bildsprache eine aktive und emotionale Rezeptionshaltung auf Seiten des Zuschauers zu generieren. Zwar fordert er zunächst durch die Ballung auditiver und visueller Irritationsmomente etablierte Sehgewohnheiten heraus, doch läßt man sich auf diese ein, so eröffnet sich eine ungewöhnliche, aber umso lohnendere Perspektive. 1970-01-01 01:00
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