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Süßes Gift

Merci pour le chocolat. F 2000. R,B: Claude Chabrol. K: Renato Berta. S: Monique Fardoulis. M: Matthieu Chabrol. P: Marin Karmitz. D: Isabelle Huppert, Jaques Dutronc, Anna Mouglalis, Isolde Barth, Rodolphe Pauly u.a.
99 Min. Concorde ab 4.1.01

Maître peut-être

Von Thilo Wydra Altmeister Claude Chabrols Opus numéro 52 ist eine Rückkehr zu den Psychokrimis der 60er, und mit Isabelle Huppert als neurotischer Schokoladenfabrikantin und Dutronc als Pianisten hat er zwei sichtlich spielfreudige Darsteller für eine Reflexion latenter Perversionen und Obsessionen gefunden. Chabrol à la carte, mit giftigem Schweizer Schokoladen-Schmankerl.

Doch der entlarvende Blick hinter die heilen Fassaden der Bourgeoisie wird hier, mit einem toxischen Schuß versehen, eher zum lasch-lauen Aufguß. Der französische Hitchcock war schon um Klassen besser. Merci pour le chocolat, wie Chabrols jüngster Wurf im Original ungleich passender heißt, ist ein ambivalenter Film. Zunächst ist es kein wirklich guter Chabrol, eher eine Durchschnittsarbeit. Nach dem letzten Psychothriller Au cœur du mensonge waren die Erwartungen hoch gesteckt, läutete doch der Maître der französischen Suspense hier nicht nur die Rückkehr zum alten Stil ein, sondern lieferte zugleich auch nach Jahren eher verhaltener Werke ein faszinierend-subtiles Seelenporträt mit famoser Farbdramaturgie ab.

Diese Erwartungen kann nun Süßes Gift nicht erfüllen, zu kurzatmig ist der Spannungsbogen, der immer wieder in sich zusammensackt. Chabrol hat hier gemeinsam mit Caroline Eliacheff den Roman »The Chocolate Cobweb« von Charlotte Armstrong adaptiert. Dabei wirken die Dialoge oft weltfremd und allzu artifiziell; es sind obsolete Szenen enthalten, die die Handlung lediglich in die Länge ziehen, was dem 99-Minüter nicht bekommt. Zweimal gleich verschüttet Mika erst heiße Schokolade, später dann kochendes Wasser. Das hat bei Chabrol natürlich seinen berechtigten dramaturgischen Sinn und Zweck, doch sind diese Szenen mit Isabelle Huppert – die hier ihre sechste Chabrol-Interpretation liefert – nicht glaubhaft umgesetzt, sondern muten wie inszenatorisches Beiwerk an.

Vielleicht liegt das größte Manko überhaupt in der mysteriös-ominösen Figur der steinreichen Fabrikantin Mika und ihrer Darstellung durch Huppert. Warum sich in dieser Frau Abgründe auftun, warum sie scheinbar zum Mord fähig ist und alle Welt, vor allem aber ihre Liebsten, mit Doppel-Wahrheiten hintergeht, das wird im Ansatz nicht einmal angedeutet. Und das schadet dieser Studie eines maroden bourgeoisen Familien-Systems, wirkt doch Mikas Psychose wie eine Art abstrahierter Aufhänger, um die Geschichte überhaupt erzählen zu können. Tant pis, Monsieur arbeitet bereits am 53sten – womit er seinem Vorbild Hitchcock nur noch um einen Film unterlegen ist. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #21.
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