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Sturz ins Leere

Touching the Void. GB 2003. R: Kevin Macdonald. K: Mike Eley. S: Justine Wright. M: Alex Heffes. P: Darlow Smithson. D: Brendan Mackey, Nicholas Aaron, Ollie Ryall.
106 Min. Kinowelt ab 29.4.04

Nah am Abgrund

Von Jutta Klocke »Man muß Entscheidungen treffen. Wenn du keine Entscheidung triffst, bist du tot.« Joe Simpson war mit seinem Freund Simon Yates bereits auf dem Rückweg vom Anden-Gipfel des Siula Grande, als er den Halt verlor und sich das Bein brach. Bei dem folgenden Rettungsversuch wurde Yates vor die wohl grausamste aller Entscheidungen gestellt. Anderthalb Stunden ließ er sich Zeit, dem eigenen Tod ins Auge zu sehen, der ihn so sicher ereilt hätte wie seinen am Sicherungsseil unter ihm hängenden Gefährten. Dann schließlich durchtrennte er das Seil und nahm damit den Tod des anderen in Kauf. Daß er auf diese Weise beiden das Leben rettete, hat er erst Tage später, nach getrenntem »Abstieg«, erfahren.

Einen sehr persönlichen Einblick in die seelischen Abgründe, die sich nach dem Sturz ins Leere auftaten, hat Simpson schon 1988 mit einem tagebuchartigen Bericht gegeben. In der semidokumentarischen Verfilmung von Kevin Macdonald kommen nun auch Yates und Richard Hawking, der als flüchtiger Bekannter das Basislager hütete, zu Wort. Die Inszenierung wechselt zwischen Studioaufnahmen, welche die Männer vor schlichtem Hintergrund erzählen lassen, und nachgestellten Szenen. Bei der Einschätzung der Aussagekraft dieser beiden Elemente scheint sich Macdonald anfänglich noch zu verheddern. Den ersten nachgestellten Szenen merkt man das Bemühen um Sensation ebenso an wie den Eingangscredits. Die Bilder präsentieren die spektakuläre Bergwelt vor einem Spannung verheißenden Score und sollen wohl die schnörkellose sprachliche Rekonstruktion durch die realen Beteiligten aufwiegen. Aber schon recht bald – fast so, als hätte die Erkenntnis erst beim Drehen der Interviewsequenzen selbst eingesetzt – löst sich der Film von dem krampfhaften Bemühen, doch noch irgendwie dem Actiongenre zugerechnet werden zu können. Seine Sogwirkung entwickelt er von da an vornehmlich über die Tonspur. Die Bilder fügen sich dieser Rangordnung und verharren meist statisch auf dem Abgebildeten. Narrative Bewegungen erlaubt sich die Kamera nur am Ende des Films, um Simpsons psychisches Erlahmen zu demonstrieren.

Die vorherrschende Geräuschkulisse des Berges macht die eisige Kälte und das Ausgeliefertsein der Männer geradezu fühlbar. Eine musikalische Dramatisierung hätte es auch später nicht gebraucht, denn den eigentlich verstörenden Effekt erzeugen ohnehin nicht die Spielszenen, sondern die Worte und Mimik der Erzählenden. Die eingesetzten Akteure scheinen um dieses Verhältnis zu wissen. Ihr Spiel bleibt statisch, fast schon dokumentarisch. Selbst der erste Schockmoment, Simpsons Sturz und Beinbruch, gehört ganz den Stimmen aus dem Studio. Wie sich der Unterschenkelknochen durch die Kniescheibe bohrt und noch weiter, wird hier mit Worten plastischer vor Augen geführt als Bilder es vermöchten, geschweige denn als man es wissen will. Und wenn Yates im Off die Panik im Gesicht des verletzten Freundes detailgetreu beschreibt, wird auf eine parallele Nahaufnahme von dessen Mimik glatt verzichtet. An diesem Punkt wird auch das optische Potential der so ganz unfilmischen Interviewszenen freigesetzt, denn die Auswirkungen des Unfalls auf die Beziehung zwischen den beiden Kletterern werden – selbst nach zwei Jahrzehnten – allein in deren Blick und Gestik faßbar. Da stellt sich die Frage, ob Macdonald nicht gänzlich auf die Spielszenen hätte verzichten sollen. Ihre Berechtigung finden sie aber in der atmosphärischen Unterstützung des Gesagten und nicht zuletzt als Veranschaulichungshilfe für die Nicht-Bergsteiger unter den Zuschauern. Inmitten des Wechsels von Dokumentarischem und Fiktionalisiertem wird Richard Hawking als merkwürdig Außenstehender fast zu einer Art Erzähler. Aber auch er gibt ebenso offen und teilweise schmerzhaft ehrlich wie Simpson und Yates seine damaligen Gedanken preis. Die einzelnen Perspektiven fügen sich so zu einem dreipoligen Psychogramm, dessen Nachhaltigkeit sich nur derjenige entziehen kann, der hierzulande in eine Vorführung mit der überhaupt nicht funktionierenden Lippensynchronisation gerät. 1970-01-01 01:00

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