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Die Stunde des Jägers

The Hunted. USA 2002. R: William Friedkin. B: David Griffiths, Peter Griffiths, Marcus Viscidi. K: Caleb Deschanel. S: Augie Hess. M: Brian Tyler. P: Alphaville Films, Lakeshore Entertainment. D: Tommy Lee Jones, Benicio del Toro, Connie Nielsen, Robert Blanche u.a.
95 Min. Concorde ab 17.4.03

Tommy Lee Jones ist Abraham

Von Thomas Warnecke Wie in den Killer-Dramen von Jean-Pierre Melville hat William Friedkin seinem Gejagten ein Zitat vorangestellt, das die Geschichte in mythische Dimensionen entheben soll. Es ist aus einem Dylan-Song, »Highway 61 Revisited«, und es geht um Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern soll. Die Stunde des Jägers handelt vom Ausbilder L.T. Bonham, der jungen Männern für Spezialeinsätze das Töten mit der Hand oder selbstgefertigten Waffen beigebracht hat und nun seinen gelehrigsten Schüler zur Strecke bringen muß, weil dieser quasi in eigenem Naturschutz-Auftrag diejenigen umbringt, um die es in diesem wie in jedem Film Friedkins geht: Jäger.

Der Film beginnt in einem seltsam bunt geratenen, explosionsrot erleuchteten Kosovokrieg, was anmaßend und zugleich nur dekorativ wirkt angesichts der folgenden, quasi privaten Mann-gegen-Mann-Geschichte, dem Film aber, wie die vielen anderen Geschichten und Figuren um Protagonist und Antagonist, eine atmosphärische und dramatische Tiefe verleihen soll – und einen Anstrich von Authentizität. Doch der Kosovo ist schnell vergessen, wenn die eigentliche Handlung und die erste von mehreren Verfolgungsjagden in den Wäldern Oregons beginnt. Grün in allen Schattierungen leuchtet auf der Leinwand, ein undurchdringlicher, unendlicher Urwald, und doch bis ins kleinste Blatt ausgeleuchtet.

Nach all den düster-verregneten Verfolgungsjagden seit Seven ist die Klarheit dieser Bilder, diese Sichtbarkeit noch des kleinsten Details im äußerten Winkel der Leinwand, eine visuelle Sensation. Die darauffolgenden Jagdvariationen mit Autos durch die Innenstadt oder auch von der Hängebrücke ins Wasser sind schon weniger spektakulär, aber immer noch handwerklich meisterhaft inszeniert, gefilmt und geschnitten. Die Kampfszenen nehmen sich neben den bis in den billigsten Mainstream durchgesickerten Martial-Arts-Luftsprüngen à la The Matrix geradezu archaisch blutig aus und wirken neben der dort praktizierten Akrobatik authentisch und physisch.

Der Großmeister der Verfolgung zeigt erneut, was er kann, ohne freilich eine so starke Geschichte wie in French Connection zu erzählen. Und eben weil die prätendierte tiefere Ebene der Stunde des Jägers kaum gegen die bloßen Actionszenen besteht, bringt Friedkin das Dylan-Zitat am Schluß einfach nochmal. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #30.
© 2012, Schnitt Online

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