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Stratosphere Girl

D/CH/NL/GB/I 2004. R,B: Matthias X. Oberg. K: Michael Mieke. S: Peter Alderliesten. M: Nils Petter Molvaer. P: Pandora. D: Cloé Winkel, John Ng u.a.
85 Min. Rapid Eye Movies ab 9.9.04

Match Cut der Medien

Von Matthias Grimm Die Leinwand erstrahlt im grellen Weiß eines Blattes Papier. Ein Bleistift in Großaufnahme schiebt sich ins Bild und zeichnet erst einen schwarzen Strich, im Anschluß daran ein wolkenartiges Gebilde auf die makellose Oberfläche. Nach und nach nimmt das Bild Formen und Konturen an und offenbart sich als der Beginn eines Comics. Ein Voice-over konstatiert: »In Comics ist alles möglich.« Es ist die Stimme von Angela, die hier ihre eigene Geschichte dokumentiert. »Jeder Comic hat seinen Helden« – damit beschreibt sie sich im nächsten Satz selbst. »Und Helden tun nur das, was sie für richtig halten«, dabei mißachtend, daß dies auch und vor allem für den Antagonisten gilt.

In seiner Eröffnungssequenz macht Stratosphere Girl deutlich, daß hier weniger eine Geschichte erzählt, als vielmehr ein Diskurs über das Geschichtenerzählen selbst aufgemacht wird. Regisseur und Autor Matthias X. Oberg stellt die beiden populären erzählenden Bildmedien der Gegenwartskultur einander gegenüber und läßt sie auf symbiotische Weise verschmelzen: Der Comic als ein Medium, das seine Geschichte auf Augenblicke reduziert; der Film auf der anderen Seite, der in dieser direkten Konfrontation insbesondere veranschaulicht, daß Film ein Medium des Dazwischen ist, eines, bei dem sich die Bilder in der und die Zeit hinein bewegen. Die Schnittstelle beider Medien bildet die Montage: das technische Verfahren, das die Bilder aneinanderfügt, ihnen aber auch einen Sinnzusammenhang verleiht, der über das Gezeigte hinausreicht. So erschließt sich Obergs Erzählweise wenig kausal und linear, als vielmehr assoziativ.

Die Comic-Skizzen, die Angela auf ihrer Reise von ihren Erlebnissen anfertigt, fügen sich immer wieder als Kommentar in die filmische Repräsentation der Geschichte ein: Voice-over markieren dann Dialoge auf dieselbe Weise, wie die Sprechblasen den Comics eine Zeitlichkeit über den Moment hinaus gestatten. Erst nach einem Match-Cut verschmilzt das graphische Bild mit dem filmisch-realistischen, und die vormals gezeichneten Menschen und Orte setzen sich in Bewegung.

In dieser Hinsicht ist Stratosphere Girl vor allem ein Diskurs über die Zeit selbst. Über die Aufhebung der Zeit und ihrer Richtung durch den filmischen Schnitt. Und über den Stillstand der Zeit: Als Angela nach Tokyo reist, scheint sie Ähnlich den Helden von Lost in Translation zunächst verloren in dieser Metropole der Fremde und der Endlosigkeit, deren Neonbeleuchtung Tag und Nacht ununterscheidbar machen. Das Tokyo von Michael Miekes Kamera ist stets eines des Augenblicks, der bewegungslosen Einstellungen, die wie in einem Comic an- und zueinander montiert ein kohärentes Ganzes nur durch die Antizipation des Dazwischen erahnen lassen. Nur am Ende, in einem kurzen Augenblick des Glücks, gerät die Welt in Bewegung: Symbolisch für den Liebesakt Angelas setzt die Kamera zu einer Fahrt durch die nächtlichen Straßen der Stadt an.

Dann, in seiner zweiten Hälfte, wird Stratosphere Girl plötzlich zum Thriller, als Angela versucht, eine andere Geschichte – die Kausalkette eines Verbrechens – zu rekonstruieren, und auf grausame Weise feststellen muß, daß sich die Realität den Gesetzen der Erzählung nicht zu beugen vermag. »Wirkliche Helden sterben nie. Denn wenn sie es täten, wer würde dann ihre Mission vollenden?«, fragt Angela am Ende der Geschichte und schließt damit den Diskurs: Erzählungen repräsentieren unser Wunschdenken, das die Realität dort ersetzt, wo diese nicht mehr ausreicht. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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