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Strajk – Die Heldin von Danzig

D/PL 2006. R: Volker Schlöndorff. B: Andreas Pflüger, Sylke Rene Meyer. K: Andreas Höfer. S: Peter Przygodda, Wanda Zeman. M: Jean-Michel Jarre. D: Katharina Thalbach, Andrzej Chyra, Dominique Horwitz u.a.
108 Min. Progress ab 8.3.07

Helden und andere Schwierigkeiten

Von Maike Schmidt Jede Generation braucht ihre Helden. Jedes Land braucht seine Helden. Und manchmal braucht auch ein Regisseur seinen Helden oder, wie in diesem Fall, seine Heldin. Volker Schlöndorff hat mit seinem neuen Film Katharina Thalbach zu einer solchen Ikone stilisiert, und damit dies nicht nur metaphorisch gemeint und verstanden wird, hat er ihr auch gleich die Rolle einer Heldin auf den Leib geschneidert in seiner Verfilmung des Lebens und Wirkens der Polin Anna Walentynowicz, welche durch ihr Tun die Solidarnosc-Bewegung in Danzig aufs Bitterste unterstützt und zum Erfolg geführt hat.

Schlöndorff bedient sich dabei wahrer Begebenheiten, auch wenn seine Heldin in der Geschichte Polens nie so präsent aufgetreten ist, wie dieser Film nun richtigstellen möchte. Eher am Rande wird dagegen Andrzej Chyra als Lech Walesa gezeigt, Gewerkschaftsführer der Solidarnosc-Bewegung, der im Jahre 1983 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Hat er in der Geschichte des Landes die Rolle des Helden inne, bleibt er hier einer von Agnieszkas Kollegen, die durch die hartnäckige und leidenschaftliche Frau den Weg des Widerstandes gegangen sind und um eigene Rechte gekämpft haben.

Es ist ein Stück bewegende Geschichte, die hier ihren Weg auf die Leinwand findet, und hinter all dem spürt und begreift der Zuschauer die Wichtigkeit und die idealistische Intention des Regisseurs. Es geht um den Kampf einer heute als selbstverständlich empfundenen Gerechtigkeit, um den Aufbau einer Gewerkschaft in Zeiten sozialistisch geprägter Diktaturstrukturen und militärischer Reaktion. Es geht, um den Wert eines Menschen gemessen an seiner Bezahlung und den Respekt gegenüber Menschen, wenn es darum geht, zuzulassen, daß diese bei der Arbeit ums Leben kommen, weil nicht genug für die Sicherheit getan wurde.

Das alles mag man in den Bildern sehen und doch will eine wenn schon nicht emotionale, so erst recht nicht solidarische Stimmung aufkommen. Man fiebert nicht mit, auch wenn man gefesselt bleibt. Ersteres mag dem Regisseur zur Last gelegt werden, letzteres auf jeden Fall der Schauspielerin Katharina Thalbach, welche die Nähe aufbaut, die der geneigte nicht-polnische Zuschauer unter Umständen zu diesem Thema nicht haben könnte und die Schlöndorff nicht in der Lage ist zu erzeugen. Zu distanziert fühlen sich die Bilder der Geschichte an, zu eigenbrödlerisch nimmt sich ihre Umsetzung. Der mächtige Pathos, der dabei immer wieder mitschwingt, verliert sich auf der einen Seite so sehr, daß er umso mehr am Ende wie ein Holzhammer wirkt, wenn die Thalbach nun als alte Frau am Meer spazieren geht und den Zuschauer auf larmoyant-betuliche Weise darauf hinweist, daß wir alle eine Verantwortung zu tragen und diese gefälligst einzulösen haben. Da mag man dann gerne den Kinosaal verlassen, und auch wenn man Schlöndorff nicht für diesen Film dankbar ist, dann doch jedenfalls für dies »geglückte« Platzieren schlimmer Filmmomente, die, wenn in der Mitte des Filmes angebracht, langes weiteres Leiden erzeugen, so aber einer ohne schlechtes Gewissen durchgeführten Flucht aus dem Kino nicht entgegen stehen.

Was bleibt ist die Erkenntnis, daß nicht jeder gut gemeinte Film, der politisch auch noch wichtig sein mag, einer einnehmenden Umsetzung standhalten kann. Und daß ideologischer Pathos leider immer ein Funken Lächerlichkeit birgt, den man vielleicht verzeihen, aber nicht vergessen kann. 1970-01-01 01:00
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