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Storno

D 2001. R,B: Elke Weber-Moore. K: Michael Hammon. S: Monika Schindler. P: Peter Rommel Productions. M: Warner Poland. D: Fanny Staffa, Paula Paul, Cornelius Schwalm u.a.
86 Min. Piffl Medien ab 13.6.02
Von Mark Stöhr »Die besten Filme spielen auf dem Land und drehen sich ums Kino«, schreibt der SZ-Feuilletonist Willi Winkler in seinem kürzlich erschienenen Buch »Kino« und fragt: »Ist Heimat nicht da, wo ich nie war?«

American Graffiti von George Lucas, Die letzte Vorstellung von Peter Bogdanovich und Im Lauf der Zeit von Wim Wenders sind für ihn solche Heimat(losigkeits)filme, in denen sich die Figuren wurzellos im undefinierten Feld zwischen einem verhaßten Hier und dem ersehnten Dort befinden und die Zeit wie in Stein gemeißelt ist. Selbst wenn Rüdiger Vogler und Hanns Zischler sich in Wenders' Film von Ort zu Ort bewegen, kommen sie nicht wirklich von der Stelle und erproben Möglichkeiten des Neubeginns im Leerlauf. Einer von beiden repariert Projektoren in Landkinos, die großen Illusionsmaschinen der eigenen wie der fremden Träume, in denen nur noch Softpornos laufen: schnelle Sehnsuchtslöscher und Verlängerungen des Unbehagens zugleich.

In Hassenhausen, einem 370 Seelen-Dorf irgendwo in Hessen, in dem Elke Weber-Moores Filmdebüt Storno spielt, gibt es zwar kein Kino und doch geht es um nichts anderes. Gabi, eine der beiden Hauptfiguren, hat ihr Leben zunehmend satt. Ihr Mann ist Vorsitzender der Freiwilligen Feuerwehr am Ort und verbringt die meiste Zeit mit Feuerwehrübungen und der Vorbereitung eines großen Jubiläumsfestes, sie arbeitet im Supermarkt an der Kasse und sitzt ansonsten nachmittagelang mit ihrer Freundin Stefanie auf dem Treppenabsatz, tratschend und träumend. Wie im Kino. Sie will nach Amerika und plant dafür den großen Coup – und bedient damit eines dieser Sehnsuchtsstereotypen, wie es die kinematographischen Traumfabriken in Serie produzieren und in unsere Phantasien implantiert haben.

Stefanie macht denselben Kassenjob, hat keinen Mann, dafür aber ein Kind und einen Verehrer, den Landwirt Martin. Mit dem soll sie sich einlassen, wenn es nach dem Willen ihrer Eltern geht, weil deren Hof kurz vor der Pleite steht. Stefanies Fernweh kennt jedoch nur ein Ziel: Thomas, den unwissentlichen Vater ihres Kindes, der vor Jahren in die Stadt zog. Als der eines Tages für einige Zeit wieder ins Dorf zurückkehrt, um als Security-Berater die Alarmanlage im Supermarkt auf Vordermann zu bringen, gerät das sensible Gleichgewicht zwischen Erträumtem und Faktischem aus den Fugen.

Heimat ist da, wo man nie war. Mitte der 80er kam Edgar Reitz' Hunsrück-Saga Heimat ins Fernsehen. Die erste Episode hieß »Fernweh«, und an ihrem Ende steht Paul Simon, Ehemann der Protagonistin Maria, vor dem gemeinsamen Haus und sagt, daß er noch ein Bier trinken gehen wolle. Daraufhin läuft er Richtung Horizont aus dem Dorf hinaus und setzt wenig später nach Amerika über. In der nächsten Folge fährt Marias Schwager Eduard nach Berlin, um sich seine Lungenkrankheit behandeln zu lassen, und bringt von da das Tingel-Tangel-Mädchen Lucie mit – Titel: »Die Mitte der Welt«.

In Storno werden schön die Fluchtlinien sichtbar, die mit dem Begriff »Heimat« untrennbar verbunden sind. Die beiden Hauptakteurinnen erträumen sich ihr eigenes Road Movie im Kino ihrer Sehnsüchte. Ob der Versuch, alles Bisherige zu »stornieren« und einen Neuanfang zu wagen – in Amerika oder der Stadt – letzten Endes gelingt, mag da zweitrangig sein, es jedoch nicht versucht zu haben, würde den endgültigen Verlust der Heimat bedeuten. Und überhaupt: Ist die »Mitte der Welt« nicht sowieso im Kino? 1970-01-01 01:00

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