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Der Stellvertreter

Amen. F / D 2002. R,B: Constantin Costa-Gavras. B: Jean-Claude Grumberg. K: Patrick Blossier. S: Yannick Kergoat. M: Armand Amar. P: Katharina/Renn Productions u.a. D: Ulrich Tukur, Mathieu Kassovitz, Ulrich Mühe, Marcel Iures, Friedrich von Thun u.a.
130 Min. Concorde ab 30.05.02

Anklage gegen den Klerus

Von Holger Liepelt Um der langen Reihe von filmischen Diskussionen um die Möglichkeit des Bewahrens von Menschlichkeit während des Dritten Reiches noch etwas hinzuzufügen, muß ein Film schon radikal Neues bieten. Schindler's List setzte einen monolithischen Schlußpunkt unter die dramatischen Aufarbeitungen, und nachdem La vita è bella und Train de vie das Humortabu gebrochen hatten, gewann man den Eindruck, daß die größer werdende zeitliche Distanz den Blick entkrampft und auf diese Weise andere, eben neue Perspektiven möglich macht.

Mit Der Stellvertereter verlegt sich Costa-Gavras jedoch wieder auf das konventionell Anklagende. Ziel der Schuldzuweisung ist Papst Pius der XII, der trotz des Wissens um das industrialisierte Morden seine Position und seinen Einfluß nicht nutzte, um zum aktiven Widerstand aufzurufen.

Verdeutlicht wird die Unfähigkeit – der Unwille – zum Handeln des Klerus' über zwei Figuren: Kurt Gerstein, eine reale Figur, und Jesuitenpater Ricardo, eine Kompilation aus verschiedenen tatsächlichen Patern. Gerstein ist höchst ambivalent: religiös und aktives Mitglied seiner Gemeinde, wird aber ob seiner Fähigkeiten als Mediziner in die Waffen-SS befördert. Entsetzt über deren eigentliche Aufgabe, bei der er eine Schlüsselrolle spielt, versucht er, Widerstand über seine Gemeinde zu mobilisieren. So begegnet er Pater Riccardo, der ihn den höchsten Kirchenkreisen als Augenzeugen vorstellen will, aber diese möchten davon nichts wissen.

Angenehm unaufdringlich bebildert Costa-Gavras die verrinnende Zeit und deren Kostbarkeit. Um die Redundanz der immer gleichen Lagerbilder wissend, sieht man in Der Stellvertreter mit enervierender Penetranz Güterzüge durch das Land fahren; offen und leer in die eine, geschlossen in die andere Richtung. Der Zuschauer ergänzt das ohnehin unbebilderbare Grauen im Kopf. Genauso zurückhaltend die »Initiation« bei Gersteins Beförderung in die Waffen-SS: Während er durch einen »Türspion« schaut, bebt die Kammer. Das Entsetzliche kann man an seinem Gesicht ablesen. Costa-Gavras kann dieses Niveau aber nicht über den ganzen Film halten, am Ende werden dann doch wieder rauchende Fabrikschlote ins Bild gerückt .

Mißlungen ist die Figur des Jesuitenpaters. Der kann vor pc kaum laufen und drängt sich dem Papst auf. Als dieser sein Versprechen, die Morde anzuprangern, nicht hält, kommt es zum Gipfel des Schmocks: Vor den Augen des Papstes und anderer Kirchenoberen pappt sich Riccardo einen gelben Stern an die Soutane. Und läßt sich deportieren. Und ein Lagerinsasse zieht irgendwann sein Gewand aus einem Kleiderhaufen. Damit ist Costa-Gavras bei den immergleichen Bildern aus KZs angelangt, die nicht mehr große Tragik sondern großes Gähnen transportieren. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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