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Stealing Klimt

GB 2006. R: Jane Chablani. B: Martin Smith. K: Bernhard Hoefer, Simon Fanthorpe, Ulli Bonnekamp. S: Shelagh Brady, Paul Dosaj. P: Martin Smith. D: Maria Altmann u.a.
90 Min. Stardust ab 06.09.07

Sprechende Vasen

Von Mark Stöhr Eine amerikanische Jüdin verklagt Österreich auf die Rückgabe von fünf Klimt-Bildern, darunter »Adele Bloch-Bauer I«, das teuerste Gemälde der Welt. Ein hochbrisanter Streit um privates und nationales Eigentum, um die kulturelle Identität einer Familie und die eines Staates. Blöd nur, daß der Film darüber so urfad geworden ist.

Fangen wir mit dem interessanten Teil der Geschichte an – dem Fall. Der österreichische Jude und Zuckerrohrfabrikant Ferdinand Bloch-Bauer gab Gustav Klimt, einem engen Freund der Familie, 1907 den Auftrag, seine Frau Adele zu porträtieren. Es entstand zunächst das golddurchwirkte Ölgemälde »Adele Bloch-Bauer I«, bis 1916 folgten noch ein weiteres Porträt und drei Landschaftsbilder. Adele Bloch-Bauer starb 1925 kinderlos, die Bilder gingen später in den Besitz von Blochs Bruder und dessen Kinder über. Nach dem Einmarsch der Nazis wurden die Gemälde konfisziert und hingen nach dem Krieg in staatlichen österreichischen Museen als wichtige Ankerpunkte der nationalen kulturellen Identität. 1998 rief die österreichische Regierung auf Druck der USA ein Restitutionsgesetz ins Leben – und eröffnete damit Maria Altmann, eine heute über 90jährige Tochter von Blochs Bruder, mehr unfreiwillig die Möglichkeit, das Beutegut zurückzufordern. Die Österreicher stellten sich erst taub, wurden dann biestig bis zu unverhohlen antisemitischen Zwischentönen und mußten sich 2006 nach einem jahrelangen Rechtsstreit, der bis auf die höchsten diplomatischen Ebenen ausstrahlte, geschlagen geben.

Maria Altmann ist eine feinsinnige, eloquente Frau. Kein Racheengel, der Genugtuung will. Ihre Haltung wird härter mit jeder neuen Borniertheit aus Wien, wo mit juristischen Winkelzügen und vor allem großer öffentlicher Empörung um das vermeintliche nationale Erbe gekämpft wird. Der Stoff wäre prädestiniert für einen spannenden Kinodokumentarfilm, der die mutige Auseinandersetzung eines Einzelnen mit einem Staatswesen zeigt, der eine individuelle Geschichte an der uneingestandenen Schuld einer Nation reibt und der sich Zeit läßt, die Veränderung der jeweiligen Positionen beider Seiten zu verfolgen. Herausgekommen ist eine mit großem Materialaufwand zusammengeschusterte BBC-Dokumentation, die ihren Protagonisten nicht vertraut und sie zu bloßen Informanten macht. Wie eine sprechende Vase sitzt Maria Altmann vor der Kamera und berichtet von früher oder vom aktuellen Stand der Dinge. Keine Ahnung, wie sie aussieht, wenn sie schweigt oder sich einen Kaffee macht. Sie ist die Chef-Parze in diesem atemlosen Knäuel aus zugespielten Dokumenten und Expertenmeinungen, in diesem Doku-Techno, der seine Magazin-Standards auf 90 Minuten auswalzt. Was schon im Fernsehen scheußlich ist, knickt auf der Leinwand vollkommen ein. Wer kommt auf die Idee, eine solche unhaptische und wahrnehmungsfreie Flickschusterei ins Kino zu bringen?

Aber wenigstens sind die Bilder von Klimt zu sehen – die wenigen konzentrierten Momente im ganzen faden Kauderwelsch. Vielleicht auch die letzten ihres öffentlichen Erscheinens. »Adele Bloch-Bauer I« wurde an einen amerikanischen Un-ternehmer für umgerechnet 106,7 Millionen Euro verkauft, die anderen vier Bilder von anonymen Käufern ersteigert. 1970-01-01 01:00
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