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Stay

USA 2005. R: Marc Forster. B: David Benioff. K: Roberto Schaefer. S: Matt Chesse. M: Asche & Spencer. P: New Regency. D: Ewan McGregor, Naomi Watts, Ryan Gosling, Bob Hoskins u.a.
99 Min. Kinowelt ab 23.2.06

Jenseits von Neverland

Von Nicole Ribbecke »Between the worlds of the living and the dead there is a place you're not supposed to stay.« Dieser Ort wird beherrscht von schwindelnden Treppen, die sich unendlich fortzusetzen scheinen. Sich wiederholende, geometrische Architektur. Surrealistische Effekte. Sich krümmende Räume. Schatten und Reflexionen. Einem Musikvideo ähnelnd wird der Zuschauer durch beeindruckende Szenenwechsel und provokative Überblendungen immer wieder in verschiedene Richtungen gezerrt. Schnitte werden durch nahtlose Übergänge verdeckt. Eine Szene wird durch Elemente der vorangegangenen Szene mit jener montiert. Durch diese dynamischen Überlappungen entstehen Eindrücke vom Verfall der Zeit, von Metamorphosen der Schauplätze, nicht immer ist man sicher, was genau man gerade gesehen hat. Stay bedeutet somit keineswegs, man könne sich die Zeit nehmen, bei Personen und Situationen zu verweilen. Es wimmelt von irritierenden Metaphern in den assoziativen Bilderwelten des Psychiaters Sam Foster, der seinen Patienten Henry Lethem von dessen angekündigtem Selbstmord abhalten und sich mit seiner Freundin Lila verloben will, die bereits einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Ein visuell überreiztes Gedankenspiel um Identität und Schicksal beginnt, in dem Sam von Schauplatz zu Schauplatz irrt.

So wenig wie der suizidgefährdete Henry zwischen Realität und Illusion unterscheiden kann, so wenig kann es der Film um ihn herum, wodurch kaum verwunderlich scheint, David Lynchs Namen während des Abspanns zu entdecken. Deutliche Parallelen zum Regisseur der unauflösbaren Mysterien sind verwirrende Elemente wie von Zwillingen und Drillingen überflutete Treppen oder das plötzliche Erscheinen von Henrys Signatur auf sämtlichen Gemälden in Lilas Atelier.

In der brillanten Darstellerriege wirkt selbst der ansonsten so unwiderstehlich naive Charme eines Ewan McGregor blaß gegenüber der geheimnisvoll ruhelosen Anziehungskraft von Ryan Gosling. McGregor besticht zwar einmal mehr durch seine menschlichen Schwächen, doch fragt man sich des öfteren, warum der in Hochwasserhosen gekleidete Sam sich weigert, Socken zu tragen. Beide Figuren bleiben eher vage definierte Charaktere, die funktionellen Schachfiguren gleich im filminhärenten Symbolismus umherwandeln. Durch Spiegelungen, Wiederholungen und Doppelungseffekte werden Andeutungen auf die mysteriöse Verbindung zwischen Sam und Henry geliefert. Was hat es mit dieser Verschmelzung auf sich? Wer stirbt wirklich auf der Brooklyn Bridge? Ist der blinde Psychiater tatsächlich Henrys verstorbener Vater? Welche Rolle spielt die kranke Psychiaterin, für die Sam einspringt? Eine Vielzahl von Fragen, die den Zuschauer laufend im Unklaren lassen und auf den lösenden Moment zusteuern.

Die Lüftung des Geheimnisses führt in kreisförmiger Narration zurück zum Anfang auf die Brooklyn Bridge und kulminiert in einem dramatischen Moment der Erkenntnis. Wenngleich die Auflösung des mythischen Puzzles ein wenig enttäuschend ausfallen mag, so birgt sie doch einen bestimmten emotionalen Effekt in sich. Das größte emotionale Gewicht legt indes Naomi Watts als geheimes Juwel der glänzenden Besetzung in den Film. Obwohl ihr und McGregor bedauerlicherweise zu wenig Zeit zur Verfügung gestellt wird, um ihre Beziehung zueinander zu entwickeln, bleibt sie gegenüber den restlichen Agierenden, die teilweise den Eindruck erwecken, sie seien fremdgesteuert, am menschlich komplexesten und zieht uns durch rätselhafte Äußerungen über Selbstmord, Leben, Kunst und Tod in ihren Bann: »Can you imagine hating your life so much that you wanna bring a backup razor?« »So what do I tell him?« »That there's too much beauty to quit.« Kryptische Einzeiler dominieren die Dialoge, während das Bild von innovativer Kameratechnik und halluzinatorischen Traumbildern beherrscht wird.

So schwer, wie Regisseur Marc Forster nach Monster's Ball und Finding Neverland einem Genre zuzuordnen ist, so schwer fällt auch für Stay eine Kategorisierung. Es mag bemängelt werden, daß nach all der ablenkenden Überladung die Dramatik des Überraschungseffektes ein wenig mager ausfällt. Stay bleibt dennoch eine visuelle Kinorevolution und trägt das Potential in sich, durch seine bizarre Bilder- und Gedankenstruktur Kultstatus zu erreichen. Forster hat Neverland gefunden und steuert nun von dort aus in eine noch verrücktere Traumwelt. »If this is a dream, the whole world is in it.« 1970-01-01 01:00

Abdruck

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