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Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith

Star Wars: Episode III – Revenge of the Sith. USA 2005. R,B: George Lucas. K: David Tattersall. S: Roger Barton, Ben Burtt. M: John Williams. P: Lucasfilm, JAK. D: Ewan McGregor, Natalie Portman, Hayden Christensen, Christopher Lee, Samuel L. Jackson, Frank Oz u.a.
140 Min. Fox ab 19.5.05

Früher war alles später

Von Dietrich Brüggemann Es kommt einer kleinen Vertreibung aus dem Paradies gleich, wenn man in den Palast zurückkehrt, in dem man aufgewachsen ist, und feststellen muß, daß es sich dabei immer nur um eine Bretterhütte gehandelt hat. Denn das Gedächtnis ist ja kein Kino, in dem alte Filme aufgeführt werden, sondern eher eine Art Theater, in dem das jeweilige Stück stets neu inszeniert und abgewandelt wird.

Als Kind sah ich mir gerne die Zeichentrickserie Captain Future an. Zwanzig Jahre später hielt ich sie auf DVD in den Händen. Von außen sah es genauso aus, wie ich es in Erinnerung hatte – Raumschiffe, Planeten, Helden. Dann jedoch sah ich mir die erste Folge an, und die Enttäuschung war gewaltig. Was ich als farbenfrohes, faszinierendes Spektakel in Erinnerung hatte, stellte sich als miserabel animierte, belanglose Aneinanderreihung von schlechten Scherzen und ruckeligen Bildern heraus. Die Bilder auf dem Cover waren nämlich neu, schick und auf der Höhe der Zeit, die Filme aber waren die alten geblieben. Nach zehn Minuten hatte ich die Nase voll davon.

George Lucas ist ja nun der Mann, der mit der Star Wars-Serie Millionen von Menschen den Palast ihrer Kindheit gebaut hat. Zwanzig Jahre später kam er wieder und wollte noch mal einen draufsetzen, indem er Fortsetzungen drehte, deren Handlung aber vor der des Originals spielte. Er nahm die alte Trilogie also gewissermaßen aus zwei Richtungen in die Zange: Technologisch vorneweg, in der Story knapp dahinter. Und zunächst sah es so aus, als würden diejenigen Recht behalten, die meinten, da könnte nur eine Mißgeburt herauskommen, die alten Filme hätten einen Charme, den man mit modernen Mitteln niemals reproduzieren könnte. Episode I war der letzte Schrott, Episode II ein brauchbarer Ballerfilm, der aber nicht an die mythische Größe der ersten Trilogie heranreichte. Und die Wertkonservativen, die sich selber niemals so nennen würden, für die das Heil aber doch stets in der Vergangenheit liegt und das Neue unter Generalverdacht steht, freuten sich, denn sie hatten recht behalten: Der Lucas von 2003 war ein Zwerg, der auf den Schultern des riesigen George Lucas von 1977 stand und ihm nicht das Wasser reichen konnte.

Aber nun kommt der dritte Teil, der Schlüsselfilm, der die Verbindung zwischen den neuen Filmen und dem Anfang von früher herstellen muß. Und er ändert die Lage von Grund auf – denn er ist großartig geworden. Und zwar von Anfang an.

Es beginnt mit einer gigantischen Weltraumschlacht, die in eine furiose Rettungs-Kampf-Verfolgungs-Flucht-Notlandungs-Sequenz mündet. Das politische Gerede, das folgen muß, ist in Ordnung, weiter geht es mit einem Alleingang von Ewan McGregor, danach hat Yoda mindestens ein rasantes Solo, Samuel L. Jackson kriegt den explosiven Abgang, den er sich ausbedungen hat, Ian McDarmid spielt mit Hingabe den Bösewicht, wir sehen eine majestätische Sequenz auf dem Heimatplaneten der Wookies, C3PO kommt etwas zu kurz, dafür hat R2D2 viele große Momente. Es gibt ein irrwitziges Lichtsäbelduell von Obi-Wan Kenobi gegen einen vierarmigen Cyborg, es gibt ein psychedelisches Wasserballett in einem schwebenden Riesentropfen, es gibt eine wirklich grandiose, elegische Sequenz, in der die Jedi-Ritter an allen Fronten, auf allen Planeten hinterrücks verraten werden. Die Charaktere reden nicht mehr nur statuarisch aneinander vorbei, sondern interagieren, schreien sich gelegentlich an, und manchmal lachen sie sogar.

Und auch das, was eigentlich im Kern der Geschichte steht und worauf alle gewartet haben, ist konsequent gelöst: Die Verwandlung des Jünglings Anakin zum röchelnden Höllenfürsten Darth Vader funktioniert. Hayden Christensen, schon in Episode II ein Lichtblick, spielt auch hier überzeugend. Sein Übertritt zur dunklen Seite ist zwar nicht bis ins Letzte nachvollziehbar, denn normalerweise wird man ja nicht einfach von selber abgrundtief böse, dafür braucht es mindestens eine schlimme Kindheit mit alkoholkrankem Elternhaus, doch seine erste Motivation geht in Ordnung, denn er will seine Liebste vor dem Tod retten, das ist ehrenhaft und führt ihn auf die schiefe Bahn. Und die Konsequenz, mit der er tatsächlich in den Abgrund fährt, ist wiederum respekteinflößend.

George Lucas hat geschafft, was ihm keiner zugetraut hätte: Einen würdigen, großen Abschluß der Star-Wars-Geschichte. Und wenn am Ende alle Handlungsfäden dort hinlaufen, wo sie vor bald 30 Jahren begonnen wurden, dann beginnt man sich zu fragen, ob man das wirklich so haben will. Denn wie an Captain Future ist die Zeit auch am ersten Star Wars nicht spurlos vorübergegangen, und was im Theater der Erinnerung als großes Kinoerlebnis aufbewahrt wird, war in Wahrheit doch nur ein B-Picture in Studiokulissen. Kann es tatsächlich sein, daß der mittelmäßig begabte Mark Hamill mit seiner 70er-Jahre-Matte die Nachfolge unserer neuen Helden antreten wird? Muß Ewan McGregor, mit dem wir so viel gebangt und gelitten haben, jetzt 30 Jahre in der Wüste sitzen, bis er sich – immerhin – in Alec Guinness verwandelt hat? Muß Yoda sich von einer interessanten Persönlichkeit zur Gummipuppe zurückentwickeln? Wird die Nachfolge der überirdisch schönen Natalie Portman tatsächlich von Carrie Fisher mit Hippie-Gewändern und Schneckenfrisur angetreten?

Ja, so ist es. Der Palast unserer Kindheit, der in Würde gealtert wäre – George Lucas hat ihn als Bretterbude entlarvt, indem er seinem eigenen Meisterwerk einfach etwas Neues vor die Nase setzt, das beeindruckender ist und dabei so tut, als wäre es älter. Wäre die Fortsetzung nur eine Fortsetzung, wäre alles bestens, aber durch die Umkehrung der Chronologie ergibt sich eine merkwürdig pervertierte Nostalgie: Der alte Film, selbst eigentlich Objekt nostalgischer Verehrung, bekommt eine neue Vergangenheit anmontiert, die ihn matt und schwächlich erscheinen läßt – früher, also später, war alles besser.

Und damit beweist Lucas natürlich wiederum, daß zumindest in seinem Metier heute alles besser ist – denn die Tricktechnik von 2005 weist die von 1977 in ihre Schranken, und wenn die Filme von 1977 und 2005 ansonsten, also handwerklich, dramaturgisch, künstlerisch, filmisch gleichauf liegen, ist der neuere besser, so einfach ist das.

Doch auch in Sachen Technik ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Film wurde der Presse in digitaler Projektion gezeigt – und das ist eine Technik, die noch nicht so ganz ausgereift ist. Mittendrin stürzt der Computer ab, ungefähr hundert Leute gehen aufs Klo und verpassen eine Menge, da es nämlich wider Erwarten doch gleich weitergeht, doch das ist gar nicht das Problem, denn ähnliches kann bei der Filmprojektion auch passieren. Es ist die Auflösung. Jeder kennt dieses Erlebnis, daß man bei Mediamarkt staunend vor einem monströsen Plasmabildschirm steht, auf dem typischerweise Tomb Raider 2 läuft, und am Ende doch feststellt, daß man die Pixel sieht und alles irgendwie nach Video aussieht. Und genauso ist es hier. Die Auflösung ist zwar deutlich größer, die Leinwand aber auch, also werden aus Linien Treppen, man sieht die einzelnen Punkte, und gleich die schräge Laufschrift zu Anfang läuft nicht, sondern springt von Zeile zu Zeile. Das ist ungefähr so illusionsfördernd, als wenn Darth Vader sich mit seinem Lichtschwert eine Zigarette anstecken würde.

Und da ist dann die wertkonservative Nostalgie wieder vom Kopf auf die Füße gestellt: Die Technik von 1977 ist besser als die von 2005, und das 21. Jahrhundert muß noch eine Runde nachsitzen. So gut Die Rache der Sith auch geworden sein mag – noch bleibt bitteschön die Kirche im Dorf und der Film im Kino. Und zwar als Film. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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