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Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger

Star Wars: Episode II – Attack of the Clones. USA 2002. R,B: George Lucas. B: Jonathan Hales. K: David Tattersall. S: Ben Burtt. M: John Williams. P: Lucasfilm. D: Ewan McGregor, Natalie Portman, Hayden Christensen, Christopher Lee, Samuel L. Jackson u.a.
142 Min. Fox ab 16.5.02

Modifizierte Tradition

Von Matthias Grimm In welchem Sinne ist ein Film wie Star Wars heutzutage überhaupt noch filmgeschichtlich zu bewerten? Ist so etwas noch relevant, jenseits von selbstgeschaffenen Faktoren des Kult- und Eventcharakters, also außerfilmischen, eher soziologischen Werten, einzustufen? Inwiefern kann man ein infantiles Märchen im verselbständigten Universum eigener filmischer Codes noch ernst nehmen?

Einen modernen Mythos, ein Märchen für eine Generation, denen der Bezug zum Mythischen verlorengegangen ist, wollte Lucas damals, 1977, schaffen, und, man kann sich noch so sehr daran stören, dennoch ist zu erklären, es ist ihm, auf bekanntermaßen triviale wie in dieser Trivialität genialistische Weise, auch gelungen. Dennoch zeigte gerade die verhaltene Perzeption des letzten Prequels, Episode I – The Phantom Menace, daß sich Star Wars heute in einer Zeit befindet, wo sich seine eigene Strukturalität der Revolution verweigert, die Serie sich in der Tradition gefangen sieht, die sie selbst erschaffen hat.

So stellt sich die Frage, wie Star Wars den Eventmythos, den es einst begründete und der heute jedem Blockbuster zukommt, auf eine originäre Weise wiederholen, neu entstehen lassen kann, worin er Neues, im positiven Sinne Anderes als alles andere schaffen kann, oder mehr noch: ob er es überhaupt muß, ob Notwendigkeit zur Veränderung besteht oder das Motto vom Größer, Besser, Schneller, Mehr ausreicht.

Die kritische Diskussion des Vorgängers und, zumindest was die USA betrifft, auch dieser Episode, macht klar, daß niemand, der in irgendeiner Weise als vernünftig gelten mag, den Film in ähnlich naiver Weise rezipieren kann, wie es der unschuldige Ur-Star Wars noch zuließ, der nicht nur neu war, sondern eine erfrischende Infantilisierung des Kinoerlebnisses zum Paradigma ernannte. Gerade diese Infantilität ist es, die die Serie auszeichnet, und all denen, die den Pathos, eine wie auch immer geartete Ernsthaftigkeit in der Serie erwarteten, wirft Lucas bereits mit dem Titel Attack of the Clones ein Statement an den Kopf, der jeden daran erinnern soll, was Star Wars ist und – in erster Linie – immer auch sein sollte: ein A-Movie in tiefster B-Tradition. Und dies sei gerade denen zu antworten, die oberflächliche Charaktere ausmachen und lächerliche Dialoge beanstanden wollen, daß nur so ein Märchen funktionieren kann und: darf. Doch die Aufgabe aller Maßstäbe kann kein Mittel zur Kritik sein, vielmehr ist es die Suche nach neuen Maßstäben, die sich davon absetzen.

Angriff der Klonkrieger hat dies nicht nötig. Dieser Film ist Mainstream-Kino auf höchstem Niveau und, um den herangewachsenen Anakin alias Darth Vader als Analogie zu benutzen, ist insofern neu, anders, revolutionär für die Serie, als er Star Wars, wenn schon nicht emanzipiert, so doch immerhin in die Pubertät bringt.

Die Schwarzweiß-Malerei, die stringente Denotierung von Charakteren, die die Serie auszeichnet, wird hier in Kontrast gestellt. Die Frage, wie etwas prinzipiell Gutes sich zum Bösen wandeln kann, steht im Vordergrund, und, während der Film dies für die individuell-psychologische Verwandlung des jungen Anakin Skywalker zeichnet, benutzt er diese als politische Metapher, die bei genauer Betrachtung ähnlich naiv, aber inszenatorisch gleichermaßen brillant ist.

Die bröckelnden Werte einer maroden Demokratie, und damit eine nicht zu übersehende Parallele zur Weimarer Republik, ist das zentrale Thema des Films, in mehrfacher Hinsicht: Nicht der Kampf von Gut gegen Böse ist der eigentliche Konflikt, sondern eher die Unvereinbarkeit eines Zustandes mit seinem Negativ. In diesem Sinne ist die Schlacht zwischen Menschen – Klonen – und Robotern am Ende zu lesen, der Konflikt zwischen Mensch und Maschine, so wie Vader, als Inbegriff der Prophezeiung vom Gleichgewicht, die Gegensätze in sich aufnehmen wird. So ist der Konflikt zwischen Religion, einem mythischen Aspekt von Weisheit und ritterlicher Allmacht, im Gegensatz zur – korrupten – Politik zu sehen, wobei gerade die Immanenz von Exekutiv-Macht in Verbindung mit moralischer Instanz interessant ist.

Und so ist der Begriff des Klons zu verstehen, das andere Ich, das gesichtslos, maskengleich auf die Masse projiziert wird – schnell ist der Vergleich mit faschistischer Film-Ästhetik bei der Hand. Ist das wirklich wichtig? Nein. Aber es zeigt, wie großartig dieser Film ist. Sicher, wer meckern will, wird genug zu finden haben. Die, zweifelsohne grandiose, Schlacht zum Ende des Films ist trotz aller Perfektion die Herkunft aus dem Computer in jeder Einstellung anzusehen. Macht nichts. Als einziges wäre Lucas hier vorzuhalten, zu viel zu zeigen, seinen Blick nicht zu fokussieren, Dinge nicht sichtbar werden zu lassen, sondern den Zuschauer damit zu erschlagen.

Die Liebesgeschichte ist unglaubhaft? Muß sie nicht sein, schließlich gibt Shakespeare auch keinen rationellen Grund, warum sich Romeo ausgerechnet in Julia verguckt. Die Charaktere sind simpel? Im Gegenteil: Die Wandlung Anakins ist für den erforderlichen Rahmen ausreichend und plausibel, und seine One-Liner und die Obi-Wans sind besser als in manchem Buddy-Movie.

In dem pragmatisch rezipierten Kontext, in dem sich Star Wars befindet, geht der Film weiter als man von seinesgleichen erwarten kann und, um die Eingangsfrage zu beantworten: Star Wars ist durchaus ernst zu nehmen; in seinem ganz speziellen Rahmen. Daß er so wunderbar funktioniert, liegt in diesem Sinne nicht an ihm selbst, sondern an der Unfähigkeit der Konkurrenz, die Chance zu nutzen, die sie 15 Jahre lang gehabt hat. 1970-01-01 01:00
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