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Stage Beauty

USA 2004. R: Richard Eyre. B: Jeffrey Hatcher. K: Andrew Dunn. S: Tariq Anwar. M: George Fenton. P: Tribeca. D: Billy Crudup, Claire Danes, Rupert Everett, Tom Wilkinson u.a.
110 Min. Senator ab 29.9.05

Rupert, übernehmen Sie!

Von Daniel Bickermann Ned Kynaston hat alles, was eine große Schauspiel-Diva im London des 17. Jahrhunderts braucht: Eine gesunde Verachtung für das launische Publikum, ein regelmäßig in den Größenwahn hinüberschwappendes Selbstbewußtsein und eine heimliche Affäre mit einem adligen Gönner. Nur leider ist Ned Kynaston ein Mann. Sein Job besteht darin, auf der Bühne mit größtmöglicher Affektiertheit tragische Frauenrollen herunterzuschmieren, und inzwischen ist sein Ruhm so groß, daß männliche wie weibliche Verehrer nichts lieber tun, als sich persönlich von der intakten Männlichkeit des androgynen Beaus zu überzeugen.

Das hört sich spritzig, amüsant und kontrovers an, und in seiner Einführung und durch weite Teile des zweiten Aktes hindurch weiß die (was sonst?) Theaterverfilmung des Kostüm- und Fernsehroutiniers Richard Eyre auch durchaus mit prachtvoller Atmosphäre und spritzigem Drehbuch zu gefallen. Zwar schleppt die Musik von Beginn an ein wenig, und die Kameraarbeit von Andrew Dunn, der sonst als Spezialist für britische Period Pieces eher getragene Atmosphäre verbreitet, fällt ungewohnt hektisch aus, aber das Potenzial wäre da – sowohl für eine Komödie als auch für ein Geschlechterdrama.

Spätestens nach einer Stunde aber zerfällt der Film. Anstatt nach der Legalisierung von weiblichen Theaterdarstellern eine symmetrische Umkehrung der Verhältnisse zu vollziehen (Kynaston wird über Nacht zum Habenichts, während seine vormalige Assistentin und heimliche Schauspielerin zum ersten gefeierten weiblichen Bühnenstar aufsteigt) und dann auch konsequent auszuwerten, schlingert das Drehbuch in unsichere Gefilde – und Regie und Schauspieler gleich mit.

Die Geschichte verliert ihren Fokus, mäandert zwischen den Genres umher, unentschieden, ob am Ende dann eine Kostümposse oder eine Passionstragödie draus werden soll, weswegen einige blasierte Fürsten zugleich als Bösewichte und als Comic Relief herhalten müssen, was sich dann im Effekt leider gegenseitig neutralisiert. Zudem werden unübersichtliche und unnötige Umwege durch den intriganten Adel gemacht, der ansonsten doch so charmante Billy Crudup überdreht sein Martyrium an einigen Stellen doch arg, Claire Danes bleibt in den Fesseln einer schlicht uninteressanten Figur gefangen, und zu allem Überfluß kommt es schließlich gar zu prätentiösen Momenten des emotionalen Ausdruckstanzes.

Am schwersten aber wiegt vermutlich, daß die angerissenen Themen, von Bisexualität über Schauspieltechnik bis zu Gender-Fragen, einfach nicht befriedigend abgeschlossen werden. Sicher, eindeutige Antworten in solch ambivalenten Themenfeldern hätten dem Film auch nicht gut getan, aber das halbherzige und irgendwie unentschiedene Hetero-Happyend mit zeitgleicher Erfindung von Method Acting und modernerer (deswegen keineswegs wenig affektierter) Schmink- und Schauspielkunst, das ist dann doch ein wenig dick aufgetragen. Und kann trotzdem nicht übertünchen, daß man sich an Themen überhoben hat, denen der Stoff einfach nicht gewachsen war.

Und so passiert, was in solchen Fällen von mangelnder kreativer Kontrolle eben passiert: In reinem Schauspieldarwinismus gehen die schwächeren Rollen und Akteure unter, während ein starkes Alphatier die Show einfach an sich reißt. Das szenenstehlende Raubtier hört in diesem Film auf den Namen Rupert Everett und gebärdet sich mal wieder als äußert ungezogener Junge – was die beste Nachricht dieses letztlich leider verschenkten Films ist. In seiner Rolle als König Charles II. darf er eine schreiend dekadente Vorliebe für beschleifte Hündchen und vulgäre Mätressen ausleben, während seine horrenden Frisuren sowohl für den Todesmut des Schauspielers als auch für die kompromißlosen Unterhaltungswillen der zuständigen Maskenbildner bürgen. Dank ihm gibt es dann doch noch einzelne Momente wahrer Bühnenschönheit. 1970-01-01 01:00
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