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Stadt als Beute

D 2005. R,B: Irene von Alberti, Miriam Dehne, Esther Gronenborn. K: Dirk Heuer, Felix Leiberg, Patrick Waldmann. S: Robert Kummer, Daniela Kinateder. P: Filmgalerie 451. D: Richard Kropf, Inga Busch, Stipe Erceg, René Pollesch u.a.
96 Min. Neue Visionen ab 23.6.05

Standortpolitik und Stadtentwicklungsthesen

Von Tina Hedwig Kaiser Es ist kein Klischee das hier ein Klischee ist. So ist nun mal das Theater, der Film, der Porno und das Leben. Wer ist heute wo wann wie die Beute und wer auf Beutezug? Jeder immer und permanent im simplen konfusen Großstadtleben? Wer hält sich hier wie, wo und weshalb über Wasser? Und wer will das noch? Wer leere Hülle und doch auch gefülltes Gefäß? Gibt es das Sony-Center eigentlich wirklich? Oder bildet sich das jeder nur ein? Und wieso macht eigentlich keiner im Sommer ständig eine Brunnenparty dort? Die ferngesteuerten Fontänen sind ja eigentlich bemerkenswert genug. Und wieso erfahre ich wieder als letztes, daß es mit David Scheller einen, wenn nicht sogar den deutschen Vincent Gallo gibt? So macht die gefilmte Straße Laune. Und wenn Theater irgendwann einmal der Ort gewesen sein sollte, der die anderen Realitäten produzieren half bzw. die Realität zu transzendieren, dann ist das heute eben umgekehrt und auch das schon wieder alt. Die Straße ist nicht zuletzt für Pollesch schon immer der Ort des wahren, guten und schönen Theaters gewesen. Dies in einer Theater- oder Filmproduktion mitteilen zu wollen, ist natürlich die alte Zwickmühle. Theater annehmen und hassen gleichermaßen also. Immer wieder der gleiche Scheiß. Und wo war noch gleich der Ausgang? Neorealismus war's ja nicht, oder? Es heißt also mal wieder das alte Spiel akzeptieren, Hollywood lieben und genießen, oder so. Im Film, im Theater, im Leben – eben.

Hier kommt also Praterstoff nach René Pollesch ins Kino. Drei Regisseurinnen übernahmen jeweils eine Episode, die durch Bühnenproben unter Pollesch im Prater lose verbunden sind. Ansonsten geht es natürlich altbekannt um »Standortpolitik und Stadtentwicklungsthesen« und um das, was das für jeden so tatsächlich – »mitten im eigenen Leben« wie es so schön heißt – bedeuten könnte. Wie immer eben: Wir sind alle die Spezialisten! Zumindest für fünfzehn Minuten – einmal im Leben. Oder im Kino.

Jegliche kurze Synopsis, wie man sie im Presseheft finden kann (so im Sinne von: »Lizzy, Marlon und Ohboy sind Schauspieler und leben großstädtische Gegenwart zwischen Proben, Rausch und Orientierungsverlust… Sexappeal Waffe und Körper käuflich… subtiler Humor… schräger Realismus…«), würde diesem Film nur schaden. Deshalb: lieber mal auf die vermeintliche Zusammenfassung verzichten. Sonst läuft hier gleich wieder alles Gefahr, sämtliche Prater-/Pollesch-/anstrengende Schauspieler-Vorurteile auf einmal heraufzubeschwören. Und das wäre nicht zuletzt bei diesem Film unfair. Denn so ist es ja gar nicht, nicht nur. So ist es nur zum Teil – vermutlich immer nur dann, wenn sich die Schauspieler als Schauspieler spielen bzw. spielen wollen. Doch schon allein Pollesch als Pollesch zuzusehen ist wider Erwarten.

Nun, ja klar, hier kommt auch Volksbühne. Wie man sie liebt, wie man sie haßt oder bzw. wie sie einem scheißegal ist. Aber hier kommt auch wirklich ein Stadtfilm, der okay ist. Wirklich okay, überdreht nur da, wo er alle Erwartungshaltungen bis zum Überschlag erfüllen will, und das eben sehr gerne tut. Ja, das bestimmt auch, aber nicht nur. Nein, natürlich, da ist Pollesch, da ist Inga Busch, da ist eine gute alte und eine gute neue Schauspielerriege. Und inmitten des ganzen Gekotzes, Geschreies und Krisengewälzes wird plötzlich beim längeren Zusehen alles angenehm sympathisch und irgendwie entspannt. Julia Hummer spielt einen jungen Pornostar – unglaublich. Julia Hummer! Toll. Muß man sehen. Und die sagt auch Inga Busch gleich mal einen harschen Tip fürs Schauspielleben. Schön gegen jeglichen Exhibitionismus, als Pornostar, und das mitten rein ins angestrengte »Sich-nach-Außen-aber-doch-Mitteilen-Wollen«. Eben mal wieder die große alte Frage nach dem »Schauspieler, laß das Schauspielen sein«! Und auch Pollesch überrascht ohne Ende: großer Star, großer Mann, großer Verwunderter. Man sollte sich also getrost mit all seinen Pratervorurteilen in diesen Film setzen, und sich ansehen, wie angenehm sich alle selbst nicht so ganz ernst nehmen können bzw. doch, denn »wir wollen ja alle nur leben« – herrje! Bis sie streiten, nun ja – sich auch mal wieder anbrüllen. Aber dann ist auch gut. »Es geht um Strategien sich hier durchzuschlagen…« muß Pollesch irgendwann mal gesagt haben. 1970-01-01 01:00
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