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Spy Game – Der finale Countdown

Spy Game. USA 2001. R: Tony Scott. B: Michael Frost Beckner, David Arata. K: Dan Mindel. S: Christian A. Wagner. M: Harry Gregson-Williams. P: Beacon, Red Wagon. D: Robert Redford, Brad Pitt, Catherine McCormack, Stephen Dillane, Larry Bryggman, Michael Paul Chan u.a.
126 Min. UIP ab 14.3.02

Ablauf der Zeit

Von Christian Gruber Das tickende Uhrwerk hat es Regisseur Tony Scott angetan. In so gut wie jedem seiner meist stromlinienförmigen Filme spielt die schwindende Zeit eine gewichtige Rolle, nimmt sich meist als bestimmendes Spannungselement aus und wird durch Scotts bevorzugte Stilmittel Schnellschnitt, Farbfilter, Variation der Filmgeschwindigkeit und effektvollen Kamerafahrten ausgekleidet.

Mit Spy Game bringt er knapp 10 Jahre nach Redfords Regiewerk Aus der Mitte entspringt ein Fluß erneut Robert Redford, diesmal als Darsteller und verkappter Vaterfigur, und Brad Pitt zusammen. Ein klassischer Suspense-Agententhriller hätte der Film werden können, versuchte Scott nicht, zwei Filme gleichzeitig zu drehen und fehlendes erzählerisches Talent hinter aufgeblasenen visuellen Spielereien zu verstecken.

Redford gibt den CIA-Veteran Nathan Muir, der einen Tag vor seiner Pensionierung erfährt, daß sein ehemaliger Agentenziehsohn Tom Bishop (Brad Pitt) nach einer gescheiterten Befreiungsaktion in einem chinesischen Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet. Die CIA-Betonköpfe wollen von ihm nun alle Informationen über Bishop, welche sein Mentor Muir nur teilweise und unter taktischen Gesichtspunkten preisgibt, denn unbemerkt arbeitet er fieberhaft an der Befreiung seines Schützlings. Keine Frage: Der Meister der alten Schule obsiegt über die karrieregeilen Jungspunde.

Wie ein Kammerspiel inszeniert Scott den besseren Teil seines »Spy Games«. Ungeahnt athletisch wuselt der in die Jahre gekommene Redford durch die Gänge und Büros des CIA-Headquarters. Dan Mindels Kamera bleibt ihm auf den Fersen, dezent umspielt sie sein Konterfei und verläßt sich punktgenau auf das Charisma des Hollywood-Helden. Hier funktioniert der Film am besten, denn Redford reduziert sein Spiel auf ein Minimum, setzt seine Akzente in ironischen Dialogkaskaden und paßt sich so letztlich dem Rhythmus der Sequenzen an.

Das hartnäckige Problem des Films ist vielmehr in den zahlreichen Rückblenden, mit denen Muir seine Informationen über Bishop ausschmückt, begründet. Diese sollen als Episoden mit autarkem Spannungsbogen und erzählenswerten Geschichten funktionieren, sind aber offensichtlich nur in die Geschichte integriert worden, um dem Duo Redford/ Pitt gemeinsame Auftritte und Superstar Pitt eine Rechtfertigung zu verschaffen. Völlig redundante Action- und Ausbildungsmomente von Vietnam über Berlin bis nach Beirut unterbrechen den Spannungsbogen der eigentlichen Geschichte zu Gunsten von lähmender Agentenprosa und einer leidlich authentischen Liebesgeschichte zwischen Bishop und der Britin Hadley.

Die Zuspitzung im CIA-Headquarter gerät dabei völlig aus den Fugen, was wohl auch Scott aufgefallen ist, denn er versucht die Spannung durch regelmäßige Einblendungen der Uhrzeit und der nahen Exekution künstlich wieder aufzunehmen. Dies gerät zunehmend konterkarierend und vermag die Fäden der Geschichte nicht zusammenzufügen. Hätte sich Scott auf sein Kammerspiel verlassen und nicht über die Schulter des Herrn Pitt auf den Box-Office geschielt, ließe sich vielleicht etwas aus dem Film machen. Das von Scott so geschätzte Uhrwerk versinnbildlicht bei Spy Game letztlich aber nur den rettenden Gang aus dem Kinosaal. 1970-01-01 01:00
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