— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Spun

USA 2002. R,S: Jonas Åkerlund. B: Will De Los Santos, Creighton Vero. K: Eric Broms. M: Billy Corgan. P: Muse, Blacklist. D: Jason Schwartzman, John Leguizamo, Mena Suvari, Patrick Fugit, Brittany Murphy, Mickey Rourke u.a.
101 Min. Tobis ab 7.8.03

I like the drugs and the drugs like me

Von Dietrich Brüggemann Ey, Mann, es gäbe tausend Arten, diesen Text anzufangen, weißt du was ich meine? Tausend, mindestens, und das ist noch 'ne vorsichtige Schätzung. Echt. Mann, ich meine, da kommt dieser reichlich abgefuckte Typ, Ross heißt er, zu seinem Kumpel Spider Mike, weißt du, in diese total abgefahren strange Bude, und da hängen noch 'n paar andere rum, Frisbee, der PC-Game Crack, Cookie, geil durchgeknallt, und Nikki, 'ne echt scharfe Stripperin. Na ja, was soll ich sagen, ey, man zieht ein paar Linien, und schon hab ich so was von aber auch gar keine Ahnung mehr, wo der Typ, äh, der Film, äh, was wollte ich eigentlich sagen, Scheiße, Mann ey?

Eines wollte ich jedem Leser dringend ans Herz legen: Er möge einen sehr, sehr großen Bogen um die deutsche Fassung dieses Films machen, es sei denn, er legt Wert auf die immergleichen Synchronstimmen, die mit näselndem Teenagertonfall schlecht übersetzten Slang zum Besten geben. Es scheint hierzulande nur ungefähr drei Sprecher zu geben, die sich in dieser imitierten Dauerpubertät auskennen, anders kann man sich das erstaunlich konstante Niveau der Synchronfassungen kaum erklären.

Doch zum Film. Hat jemand das Video zu »Come Undone« gesehen, der nach meiner Zählung vorletzten Single des allseits geschätzten Robbie Williams? Das, wo er in seiner Luxusvilla zwischen lauter Alkoholleichen aufwacht, und dann kommen diese Flashbacks? Nicht gesehen? Egal, dann vielleicht vor einigen Jahren von Prodigy »Smack My Bitch Up«, wo der Typ sich durchs Nachtleben säuft und kokst und kotzt und Frauen anmacht, und du siehst immer nur, was er sieht, und am Ende sieht er in den Spiegel, und siehe da, es handelt sich um 'ne Type.

Der jedenfalls, der diese ganzen Clips gedreht hat, hat auch Spun gemacht. Es handelt sich hier um den Schweden Jonas Åkerlund, der seit zehn Jahren als Musikvideoregisseur gut im Geschäft ist. Angefangen hat er mit seinen Landsleuten Roxette, dann kam irgendwann Madonna, und dann standen sie alle bei ihm Schlange. Und obwohl er auch durchaus zahme und ästhetisch ehrwürdige Sachen gemacht hat, steht sein Name doch meist für alles, was kraß, brutal und irgendwie eklig ist. Åkerlund hat sich auch nicht wirklich gegen dieses Image gewehrt, daher kann man heute davon ausgehen, daß, wenn es auf MTViva mal wieder so richtig zur Sache geht, der gute alte Åkerlund dahintersteckt.

Irgendwie war auch klar, daß es Åkerlund bei seinem Spielfilmdebüt nicht den Kollegen Spike Jonze, Michel Gondry und Jonathan Glazer gleichtun und sich weitgehend von den formalen Kapriolen des Musikvideos verabschieden würde. Im Gegenteil, er setzt noch einen drauf. Allerdings, das sollte man vorweg schicken, ist das Projekt nicht auf seinem Mist gewachsen. Er wurde engagiert, das Buch basiert auf dem Tatsachenbericht eines Mannes, dem tatsächlich so etwas widerfahren ist.

Spun handelt von den Erlebnissen eines jungen Mannes, gespielt von Jason Schwartzman, der für einige Tage von Mickey Rourke als Fahrer angeheuert wird. Rourke ist »The Cook«, der Mann, der das ganze Viertel mit chemischen Genußmitteln versorgt. Er sieht aus wie ein surreal-psychedelischer Cowboy und sitzt meistens in seiner billigen Bude über brodelnden Töpfen voller Chemikalien. Ross fährt ihn also durch die Gegend, und was in dieser Zeit so passiert, kann man kaum als Handlung bezeichnen, eher schon als Trip in die Hölle von Suburbia. Alle sind kaputt, sehen beschissen aus und fühlen sich auch so, die Jugendlichen hassen sich selbst und gegenseitig, noch mehr hassen sie eigentlich nur die Erwachsenen, und dazu haben sie auch allen Grund. Die Mutter eines Jungen sitzt als grotesk fettleibige Ekelgestalt in ihrem Wohnwagen und sieht sich eine True-Crime-Fernsehsendung an, und die dort agierenden Polizisten sind ebenfalls hoffnungslos zugekokste Vollidioten.

Ehrensache, daß das ganze filmisch wie ein Fiebertraum daherkommt – Åkerlund hat mit seinem ständigen Kameramann Eric Broms eine Bildsprache entwickelt, die einem förmlich ins Gesicht springt, und als sein eigener Editor (mit Leonard Palmestaal) dreht er das Material mit einem irren System aus Zeitraffersegmenten und extremen Close Ups gekonnt durch den Wolf. Ehrensache für das Spielfilmdebüt eines Videoclip-Gurus ist natürlich auch die Mitwirkung einiger alter Kumpels aus der Musikszene, die dem ganzen zugleich Bodenhaftung und eine Art Adelstitel verleihen – Debbie Harry spielt die Nachbarin, Billy Corgan macht die Musik.

Doch all das zusammen würde nur einen weiteren Drogenfilm ergeben. Zwar ist es genau diese Schiene, auf der Spun beworben wird – schnellster Film aller Zeiten, Mann, ey. kraß, diese abgefuckten Typen, voll der geile Trip. Also quasi die inoffizielle Fortsetzung von Trainspotting. Doch die Attraktion von Trainspotting lag in seiner überbordenden Energie, die das dargestellte Leben irgendwie attraktiv erscheinen ließ, war es doch wenigstens lebendig – Spun hat zwar auch Energie ohne Ende, wühlt aber so brutal im Dreck, daß kaum einer sich ernsthaft so ein Leben wünschen wird.

Der Kern dieses Films offenbart sich wie so oft in der Musik. Während der Titelsequenz, die nach den schwer erträglichen ersten acht Minuten wie eine meditative Erlösung auftaucht, erklingt ein trauriges Lied, nur von akustischer Gitarre begleitet. Man läßt sich hineinfallen und erkennt irgendwann – »Hell's Bells«.

Billy Corgans Musik, weitgehend »unplugged«, verläßt sich auf leise, melancholische Töne und schafft so einen wirkungsvollen Kontrapunkt zur Dauerdröhnung des Films, in dem keine Figur sich durch besondere Sympathiewerte hervortut. Diese tiefe Traurigkeit, die aus der Musik spricht, macht Spun schon am Anfang zu dem, was er eigentlich erst am Ende wird: ein moderner Noir, eine Reflektion über die Ohnmacht des Einzelnen in einer Welt, die ihren Sinn verloren hat.

Denn am Ende, da zeigt Åkerlund auf einmal Zuneigung zu seinen Figuren und gibt ihnen Momente der Ruhe, und gerade die zynischste aller Figuren, Mickey Rourkes Drogenkoch, verabschiedet sich mit einem Satz und auf eine Weise, die noch lange nachwirkt. Bei all dem galoppierenden Wahnsinn, den 4500 Schnitten, all dem total abgefuckten, freakigen, crazy shit, den Teenager für ein paar Jahre cool finden, bevor sie sich hoffentlich anderen Dingen zuwenden – das alles hat Oliver Stone schon in Natural Born Killers mit Meisterschaft vorgemacht. Die Qualität von Spun liegt woanders. Sie liegt in dem Nebeneinander von brutalem Hyperrealismus und eben jener meditativen Zuneigung – in jenem Ende, dem ich hier nicht vorgreifen will. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap