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Spirit – Der wilde Mustang

Spirit – Stallion of the Cimarron. USA 2002. R: Kelly Asbury, Lorna Cook. B: John Fusco. S: Nick Fletcher. M: Hans Zimmer. P: Dreamworks.
90 Min. UIP ab 27.06.02

Und Erwachsenen ebenso

Von Holger Liepelt Seit ihrem Zeichentrick-Erstling Prince of Egypt versucht Dreamworks, sich mit Animationsfilmen, die vermehrt Erwachsene ansprechen sollen, von Disney abzusetzen. Die bisherigen Ergebnisse – neben dem genannten Prinzen noch The Road to El Dorado und Shrek – schaffen das mit unterschiedlichem Erfolg, doch bei der aktuellen Produktion Spirit – Der wilde Mustang treibt das gleichzeitige Bemühen um kindgerechte Inhalte und das Buhlen um Interesse der Erwachsenen absurde Blüten.

Die Produzenten finden, die Geschichte der Eroberung des Wilden Westens sei schon oft erzählt worden, was sehr richtig ist, ebenso wie die Feststellung, dies wäre noch nie aus der Sicht eines Pferdes getan worden. Müßig zu erörtern, ob die Existenz einer Lücke zwingend ein Defizit ist, das es zu beheben gilt.

Müßig auch, Amis Pathos vorzuwerfen, wenn sie sich an ihrem bißchen Geschichte abarbeiten. Doch gerade der heilige Ernst, mit dem Spirit erzählt wird, macht den Film schwer verdaulich. Es ist dieselbe Ernsthaftigkeit, die schon in Prince of Egypt den atmosphärischen Grundton bildete, dort jedoch aus der Geschichte erwuchs. Weil heutzutage religiöse Inhalte nur noch konsensfähig sind, wenn sie relativiert bzw. ironisiert dargestellt werden, machte das Fehlen jeglicher Brechung oder Selbstreflexion den Film besonders angenehm, da man das ehrliche Bemühen um eine Modernisierung, die dennoch großen Respekt vor der Geschichte (und der »Geschichte der Geschichte«) bewahrt, jederzeit spüren kann.

Spirit jedoch krankt eben daran, daß bei der »Eroberung des Westens« Ernsthaftigkeit und Verklärung Konsens sind. So wird die Schilderung »aus der Sicht eines Pferdes« nicht zu einem aufregenden Perspektivwechsel, sondern zur Zementierung bestehender, langweilender Konventionen: Freiheit ist gut, Indianer die besseren Menschen, Industrialisierung (hier in Form der Eisenbahn) ganz böse. Schlimm ist aber, daß diese Werte beschworen werden, der Plotverlauf aber eine einzige gigantische Heuchelei ist, da alles, was im Film als Wert verkauft wird, von der Historie konterkariert wurde. Die Produzenten schämten sich nicht, den Plot auf ein Happy End hinauslaufen zu lassen, welchs das Böse (die Eisenbahn) als besiegt erscheinen läßt. Ebenso schamlos werden die behaupteten Werte von den Figuren selbst außer Kraft gesetzt. Spirit lernt nämlich von einer Stute, daß Gefangenschaft nichts Schlimmes ist, so lange die Agressoren freundlich sind und es genug Futter gibt.

Derart richtet sich der Film deutlich an ältere Zuschauer. Formal versucht der Film den Brückenschlag zwischen Jüngeren und Älteren, indem die Pferde deutlich vermenschlichte Züge tragen und sich vermenschlicht verhalten. Sprechende Tiere, so das Kalkül der Produzenten, würden aber zu sehr an die Konkurrenz erinnern und die Älteren eher abschrecken. Ein Film, der ohne viel Dialog auskommt, weil er in der Hauptsache unter Tieren spielt, wurde offensichtlich wiederum als zu anstrengend für Jüngere gesehen. »Gelöst« wurde dies Dilemma, indem nun in Pferdeesperanto parliert wird: Man wiehert sich bedeutungsvoll an. Der Effekt ist schlicht albern und für beide Zuschauerschichten ein Zumutung. Auch optisch bleibt es bei Zeichentrick-Standard, pseudorealistische Figuren bewegen sich vor Postkarten-Landschaftsmotiven.

Spirit – Der wilde Mustang löst somit nicht die von Dreamworks seit Shrek propagierte Loslösung von gängigen Animationsfilmkonventionen ein, sondern stellt im Gegenteil einen Rückfall in schon – von allen Produktionsfirmen – überwunden geglaubte Muster dar. Das gilt insbesondere für die vielfach zu Recht kritisierte Musicalstruktur. Zwar singt im Film keine Figur selber, er wird aber regelmäßig von Songs unterlegt. Gesungen in der deutschen Fassung von – und das ist die endgültige Exekution des Filmes – »Indianer« Hartmut Engler. 1970-01-01 01:00
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