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Die Spielwütigen

D 2004. R,B: Andres Veiel. K: Hans Rombach, Lutz Reitemeier, Jörg Jeshel. S: Inge Schneider. P: Journal Film.
108 Min. Timebandits films ab 3.6.04

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Von Susanne Bohlmann Vier junge Menschen spielen ihren Eltern im Wohnzimmer eine Szene vor. Schweigen – dann zögerlicher Applaus. Vier verschiedene Familien, vier verschiedene Ausgangssituationen, viermal der gleiche Traum. Karina, Stephanie, Constanze und Prodromos verbindet der Wunsch, Schauspieler zu werden, und so wurden sie die Hauptdarsteller in Andres Veiels Dokumentation Die Spielwütigen. Veiel begleitete sie über sieben Jahre auf dem Weg zu ihrem Traum(beruf) und stieß dabei auf den Preis, den alle vier für ihr Ziel zahlen müssen. Nach dem Motto »Talent kann, Genie muß« kämpfen sie um mehr als nur einen Berufswunsch.

Doch die Motivation Veiels, vier Menschen zu porträtieren, die allesamt ein Ziel verfolgen, bleibt nur erahnbar. In diesen Zeiten, in denen die Fernsehlandschaft geradezu überschwemmt wird mit Castingshows und Popstars, die aus der Nachbarschaft kommen, ist es wichtig, eine solche Geschichte zu erzählen und Menschen zu zeigen, für die die Bühne ein Ziel ist, für welches hart gearbeitet werden muß. Denn anders als die Medienwelt, die jedem suggeriert, ein heimlicher Superstar zu sein, hatte Veiel nun die Chance, einen wirklichen Blick hinter die Kulissen dieser harten und ernsthaften Branche freizugeben und hat sie nicht wirklich genutzt.

Da sich Veiel auf einen minimalen Bruchteil aller deutschen Schauspieler konzentriert, nämlich auf die, die es erlernen und damit ihren Lebensunterhalt verdienen können, kann man davon ausgehen, daß für ihn nicht dieser spezielle Berufswunsch im Vordergrund stand, sondern die Menschen hinter diesem Bruchteil, Menschen, für die ein Traum Realität wird.

Veiel nähert sich den Hauptakteuren sehr behutsam. Die Vorstellung der Vier macht neugierig auf mehr. Doch kaum sind sie auf der Ernst-Busch-Schule angenommen, machen sie Quantensprünge. Ihre Gedanken- und Gefühlswelt wird lediglich angekratzt. Die Schauspielschüler wirken verschlossen und genervt von der Kamera. Dabei ist das, was in dieser ersten Zeit auf der Schule passiert, ein bedeutender Schritt auf dem Weg zum Beruf. Denn jetzt beginnt die Entzauberung der Tätigkeit, welche aus jeder Menge Handwerk und Technik besteht. Das Ziel wurde zunächst erreicht, und die darüber ausgeschütteten Endorphine versiegen schnell im Schauspiel-Alltag.

Veiel hat gesagt, er wollte einen Film über das Erwachsenwerden machen, und ja – am Ende, wenn man die heutigen Schauspieler mit den Träumern von vor sieben Jahren vergleicht, wird einem klar, daß hier mehr ausgebildet wurde als nur Stimme und Körper. Doch was war in der Zwischenzeit? Was passiert mit Menschen, die in andere Rollen schlüpfen sollen, wobei sie ihrer eigenen Identität noch nicht sicher sind? Was passiert, wenn dies in einer Welt geschieht, in der versucht wird, sie zu brechen, um sie dann neu aufzubauen?

Für die meisten Menschen ist Schauspielerei ein Buch mit sieben Siegeln. Sie wissen nicht einmal, was genau auf einer Schauspielschule gelehrt wird, und sie wissen nicht, wieviel Freud und Leid damit verbunden sind. Leider bringen Andres Veiels »Spielwütigen« auch kein Licht ins Dunkel, nur Ahnungen. Besonders ist, daß Veiel »the day after« dokumentieren wollte, d.h. die Zeit nach der Ausbildung. Doch kaum haben die Schauspieler ihre ersten Engagements, ist der Film auch schon zu Ende, und außer ein paar hingeworfenen Andeutungen bleibt dem Zuschauer das Elementare versagt. Obwohl die Verwirklichung dieser Idee schöne Ansätze bietet, bleibt sowohl der Unterhaltungswert als auch der Informationsgehalt unbefriedigend, weil der Stoff nach mehr verlangt.

Wer einen ähnlichen Weg gegangen ist, wird sich stark erinnert und verbunden fühlen mit diesen Menschen, deren Spielwut, woher auch immer sie kommt, sie bis an die Grenzen des eigenen Selbst bringt, und verstehen, warum die Zweifel, das Warten und die Angst in Kauf genommen werden für diesen einen Moment der vollkommenen Verwandlung. 1970-01-01 01:00

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