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Das Spiel der Macht

All the King's Men. USA 2006. R,B: Steven Zaillian. K: Pawel Edelman. S: Wayne Wahrman. M: James Horner. P: Phoenix, AKM. D: Sean Penn, Jude Law, Kate Winslet, Anthony Hopkins, Patricia Clarkson u.a.
140 Min. Sony ab 4.1.07

Die dunkle Seite

Von Daniel Albers Es ist so eine Sache mit der großen Schauspielkunst: Mal fällt sie ob ihrer Subtilität gar nicht auf, mal wird sie so fett unterstrichen, daß sie einem großen Teil des Publikums zu penetrant ist, als daß er sie noch als solche anzuerkennen bereit wäre.

Bei Sean Penns Interpretation der Rolle des sozialistisch eingestellten Politikers Willie Stark in Das Spiel der Macht ist eindeutig Letzteres zu diagnostizieren. Er steigert sich im Laufe des Films dermaßen in seine Rolle hinein, daß man nur hingerissen von der schauspielerischen Intensität oder genervt von seinem Overacting sein kann. Penn ist als Willie Stark die fleischgewordene Feststellung des Autors Robert Penn Warren (dessen gleichnamiger Roman aus den 30er Jahren als Vorlage für Das Spiel der Macht gedient hat), daß man im Leben und vor allem in der Politik nur etwas – und sei es noch so idealistisch – erreicht, wenn man den Einsatz unmoralischer Mittel akzeptiert. Mit anderen Worten: Man muß das »Spiel der Macht« mitspielen, um etwas zum Positiven verändern zu können.

Erzählt wird die an die des realen Südstaatenpolitikers Huey P. Long angelehnte Geschichte des Polemikers Willie Stark, der, aus der Unterschicht stammend, aufgrund seiner Redegewalt und Überzeugungskraft in der Lage ist, die arme Bevölkerungsmehrheit Louisianas gegen die reiche, regierende Oberschicht aufbegehren zu lassen. Einmal an der Macht, wendet er die gleichen unlauteren Methoden an wie seine von ihm angeprangerten Vorgänger.

Zaillians Film ist wie seine 70 Jahre alte Romanvorlage ein Plädoyer für den zweiten Blick bei der Unterscheidung zwischen Gut und Böse und faßt damit ein in Zeiten der erneuten Hochkonjunktur moralischer Schwarzweißmalerei in der US-amerikanischen Politik äußerst heißes Eisen an. Er warnt davor, nicht der vor allem in den USA unter George Bush und seinen Kumpanen vorherrschenden Gut-Böse-Schematik zu folgen – und sei es, wie häufig in Europa der Fall, mit umgekehrten Vorzeichen. So beinhaltet Das Spiel der Macht auch die Aufforderung, in komplexeren Bahnen zu denken, »moralische Flexibilität« und Korrumpierbarkeit nicht nur einem kleinen, bösen Kreis von Menschen zuzutrauen.

Dafür, daß der Verlust von Idealismus aber vor allem auch leicht in Zynismus umschlagen kann, steht der Journalist Jack Burden, die eigentlich zentrale Figur des Films. Seit er schon früh gemerkt hat, daß die Gerechtigkeit, für die ihn sein strenger, aber herzensguter Ziehvater Judge Irwin zu sensibilisieren versucht hat, auf der Welt nicht die bestimmende Konstante ist, die sie sein sollte, hat er sich in Beruf und Privatleben darauf beschränkt, objektiver Beobachter zu sein, emotional und vor allem moralisch nicht mehr allzu intensiv am Leben teilzunehmen. Die Vehemenz von Willie Starks Eintreten für seine politische Mission, die er zunächst nur distanziert als Reporter beobachtet, weckt bei ihm jedoch ungewöhnlich starkes Interesse, und er läßt sich schleichend von der starken Persönlichkeit des Politikers vereinnahmen. Er kämpft zwar nicht aktiv für Starks Sache, scheint sich aber gerne von dessen Zielstrebigkeit mitreißen zu lassen. Die Reste seines persönlichen moralischen Grundgerüstes streift er endgültig ab, als er Starks Aufforderung Folge leistet, in Judge Irwins Vergangenheit nach schmutziger Wäsche zu suchen. Irwin, dessen Wort trotz seiner Pensionierung immer noch Gewicht in der Öffentlichkeit hat, ist nicht gerade ein Fürsprecher Starks und soll »freundlich« umgestimmt werden.

Was Burden bei all dem tatsächlich denkt, wird auch durch den teils eingeblendeten Off-Kommentar nicht immer deutlich, so daß ein Stück Rätselhaftigkeit der Motivationen Burdens immer bleibt, wofür Jude Laws überragendes Mienenspiel, in das jeder etwas anderes hineinzulesen vermag, perfekt geeignet ist. So erhält der in der Romanvorlage so zentrale innere Monolog des Protagonisten eine vorbildlich austarierte Würdigung und wird vor Banalisierung bewahrt.

Die Zaillians Film trotz Starbesetzung in den USA beschiedene Erfolglosigkeit und die herbe Kritikerschelte, die er dort einstecken mußte, lassen sich eigentlich nur damit erklären, daß die Thematik dort großes Unbehagen bereitet und der Film trotz emotionaler Anknüpfungspunkte doch ziemlich politisch bleibt. Außerhalb der USA dürfte das Echo weitaus positiver ausfallen, da mit Das Spiel der Macht ein hervorragendes Stück Politdrama geboten wird, dessen stimmiger Eindruck höchstens von James Horners oft zu dick auftragendem Soundtrack geschmälert wird – und in den Augen mancher vielleicht von Penns Hang zur Übertreibung. 1970-01-01 01:00

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