— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Spider

CDN/GB 2002. R: David Cronenberg. B: Patrick McGrath. K: Peter Suschitzky. S: Ronald Sanders. M: Howard Shore. P: Catherine Bailey, David Films, Artists Independent Network, Grosvenor Park. D: Ralph Fiennes, Miranda Richardson, Gabriel Byrne, Lynn Redgrave, John Neville, Bradley Hall u.a.
98 Min. Columbia ab 10.6.04

Verstörende Schlichtheit

Von Frank Brenner Vor allem durch seine frühen Publikumserfolge wie Videodrome und Die Fliege, aber auch mit verstörenden Romanadaptionen wie Naked Lunch und Crash hat sich der Kanadier David Cronenberg im Laufe der Jahre einen Ruf als radikaler Filmemacher erworben, dessen Stilmittel auch häufig als »organischer Horror« tituliert wurde. Seit seinem Berlinale-Erfolg eXistenZ im Jahr 1999 konnte man hierzulande nichts mehr von Cronenberg im Kino sehen. Erst jetzt läuft mit knapp zweijähriger Verspätung eine neuerliche Romanadaption des Kultregisseurs an, Spider, den sein Autor Patrick McGrath gleich selbst für die Leinwand umschrieb.

Vom krassen Horror früherer Splatterszenen ist hier kaum mehr was zu sehen, stattdessen wagt Cronenberg ein filmisches Experiment, das sicherlich einen Großteil seiner Fans verblüffen und die Mehrheit der Kinozuschauer sprachlos zurücklassen wird. Auch der Film selbst ist ziemlich dialogarm. Sein lakonischer Protagonist Dennis Cleg, dem seine Mutter den Spitznamen Spider gab, wird in seiner verstörenden Schlichtheit von Ralph Fiennes verkörpert. Der Mann scheint eine schwere psychische Störung zu haben, die auf ein Traumata in der Kindheit zurückzuführen ist, wie uns der Film im Laufe der Handlung auf originelle Weise zu vermitteln versteht. Spider spricht nicht viel, schreibt dafür umso mehr in einer mikroskopisch kleinen Handschrift in ein winziges Büchlein – seine Art der Vergangenheitsbewältigung. Dabei läßt er Szenen aus seiner Jugend Revue passieren, die er als unsichtbarer Beobachter zusammen mit dem Publikum wie die Geister aus Dickens' »Weihnachtsgeschichte« noch einmal durchlebt.

Es fällt mitunter schwer, einer Erzählung zu folgen, bei der der Protagonist passiv im Hintergrund verharrt. Auch offenbart sich erst im Laufe der Zeit, daß es da noch einen doppelten Boden gibt und man dem, was man zu sehen und erkennen glaubt, nicht ohne weiteres trauen kann. Cronenberg gelingt es jedenfalls auch ohne grelle Schockeffekte, eine äußerst befremdende Atmosphäre aufzubauen, die sich in ein alptraumhaftes Szenario hineinsteigert. Kameramann Peter Suschitzky findet dafür immer adäquate optische Entsprechungen, die noch nicht einmal einer künstlichen Verfremdung bedürfen. Schon gleich zu Beginn weckt eine Einstellung von einer tristen englischen Vorortsiedlung die beklemmende Stimmung eines schlechten Traumes, was Suschitzky im Laufe des Films auch wiederholt mit dem Fotographieren eines gespenstischen Gaswerkes zu unterstreichen weiß. Auch wenn Cronenberg mit Spider dieses Mal einen sichtbar anderen Weg eingeschlagen hat, bleibt er sich als Regisseur, der auf talentierte Weise mit den Nerven seines Publikums zu spielen versteht, dennoch treu. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap