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Spider-Man 2

USA 2004. R: Sam Raimi. B: Alvin Sargent. K: Bill Pope. S: Bob Murawski. M: Danny Elfman. P: Marvel Enterprises, Laura Ziskin Prod. D: Tobey Maguire, Kirsten Dunst, Alfred Molina, James Franco u.a.
127 Min. Columbia ab 8.7.04

On Candystripe Legs

Von Daniel Bickermann Der Sommerblockbuster wird, gerade im Land der Dichter und Denker, wo man Filme heimlich ebenso in U und E einteilt wie Musik, immer noch unterschätzt. Daß eine zweistündige Projektion dem Zuschauer »nur« Spaß und Unterhaltung für eben jenen Zeitraum bereitstellt, scheint vielen ein allzu billiger Anspruch. Dabei lehrt die Geschichte, wie schwierig und selten ein wirklich unterhaltsamer Crowdpleaser ist. Der Erfahrung nach kommen auf jeden Indiana Jones mindestens zehn Lara Crofts und auf jeden James Cameron gut fünf Renny Harlins. Erstaunlich, wie oft die großen Popcorn-Knaller nicht von den Studio-Routiniers, sondern von konvertierten Indie-Auteurs wie Spielberg, Jackson, Soderbergh oder Burton gedreht werden.

Sam Raimi gehört ebenfalls zu dieser Gruppe. Der Autodidakt aus Michigan hat sich seit den Evil Dead-Filmen seinen eigenen Do-it-yourself-Kurs zum Filmemachen organisiert, der ihn innerhalb von nur 20 Jahren vom kleinen Schauermärchen mit Laiendarstellern im Wald über erste Effektorgien und Humoreskapaden langsam in die Indie-Szene und schließlich auch in den Mainstream führte. Vor allem in Sachen Humor ist seine erfolgreiche Ausbildung in Spider-Man 2 durchaus zu bewundern: Von skurrilen Momenten des Protagonisten (Spider-Man im Waschsalon, Spider-Man als Pizzabote, Spider-Man im Fahrstuhl) bis zu den grandiosen Auftritten von J.K. Simmons und Bruce Campbell gibt es eine Vielzahl herrlich komischer Momente. Und manchmal schimmern auch noch die heimlichen Neigungen des Horrorliebhabers Raimi durch, wenn hübsch zurechtgemachte Sekretärinnen kreischend vor einem vielarmigen Monster davonrennen, das sich gerade durch die Häuserfassade hämmert.

Der Mann beherrscht sein Handwerk, und er hat auch sichtlich Spaß daran. Besonders bemerkenswert aber ist, wie klug dieser Film ausbalanciert ist: Die Effekte sind vor allem in den rasanten Kampfsequenzen nicht nur bemerkenswert, sondern auch bemerkenswert nebensächlich, weder Plot noch Geschwindigkeit werden jemals vernachlässigt, und die Liebesgeschichte ist, gerade wegen der Darsteller, durchaus ergreifend. Gleichzeitig werden auch düstere Stimmungen nicht ausgeklammert, oft hämmert die Leinwand schwere Stöße bis in den Zuschauerraum, und die Momente schwerer körperlicher Gewalt sind durchaus schmerzhaft mitanzusehen.

Als Vergleich hat sich Spider-Man durchaus Burtons Batman verdient, gerade die jeweils ersten Filme zeigten deutliche Ähnlichkeiten. Zum einen eine hochgradig persönliche und düstere Vision des Stoffes mit dem unerwarteten, aber perfekten Casting der Hauptrolle (damals Keaton, heute Maguire), zum anderen aber auch die Verhaftung in überholten Konventionen und irritierenden Zeitströmungen – man denke an Burtons schwaches Frauenbild in Batman oder an die unsäglich post-9/11-Schnipsel im ersten Spider-Man. (Gott sei Dank findet Raimi dieses Mal deutlich angenehmere Bilder für die Unterstützung, die Peter Parker von den Bürgern New Yorks erhält.)

Burton machte es danach besser, sein Batman Returns ist ein narrativer und vor allem stilistischer Triumph, zudem ein Meisterwerk der Charakterzeichnung. Auch Raimi ist bei Spider-Man 2 eine deutlich sicherere Handhabung seiner Geschichte anzumerken, und auch sein zweiter Teil übertrifft den nicht gerade schlechten Vorgänger um Längen. Daß diese Fortsetzung trotz ihrer überraschenden Intelligenz dann doch nicht ganz auf ein Niveau mit der Rückkehr der Fledermaus kommt, dazu fehlt ihr die Verspieltheit und das visuelle Genie. Aber immerhin: Raimi hat einen Film gedreht, der über volle zwei Stunden grandiosen Spaß, halsbrecherische Kämpfe, visuellen Einfallsreichtum, tragisch-romantische Verstrickungen, bemerkenswerte Musik und nebenbei auch noch ein wenig Anleitung fürs Leben bietet. Und wem das als Anspruch zu einfach ist, der soll es doch erstmal nachmachen. Der Sommer ist ja noch lang. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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