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Spider-Man

USA 2002. R: Sam Raimi. B: David Koepp. K: Don Burgess. S: Bob Murawski, Arthur Coburn. M: Danny Elfman. P: Marvel, Laura Ziskin. D: Tobey Maguire, Kirsten Dunst, Willem Dafoe, James Franco, Cliff Robertson, Rosemary Harris, J.K. Simmons, Bruce Campbell u.a.
123 Min. Columbia ab 6.6.02

Spinne auf zwei Beinen

Von Carsten Happe Spinnen, soviel ist mal klar, sind ungemein nützliche Tiere, zudem nur in den seltensten Fällen gefährlich oder gar giftig. Nichtsdestotrotz fühlen sich die meisten Menschen in ihrer Gegenwart eher unbehaglich. Kein Zweifel – unsere achtbeinigen Freunde haben ein gewaltiges Imageproblem.
Der Auftakt zu Sam Raimis Comicadaption vermag da auch nur wenig Abhilfe zu schaffen, wird doch der unbeholfene und schüchterne Collegeboy Peter Parker von einem heimtückischen, genetisch hochgezüchteten Exemplar in geradezu markerschütternder Weise gebissen. Fortan mutiert Parker zur mit übermenschlichen Kräften gesegneten »menschlichen Spinne«, so sein erster, leidlich beeindruckender Kampfname. Parallel dazu widerfährt dem Großindustriellen Norman Osborn ebenso ein Biotech-Mißgeschick, welches den väterlichen Freund Parkers in Anfällen schwerster Persönlichkeitsspaltung zum Racheengel Green Goblin verwandelt.

Diese Ausgangssituation besteht in den zugrundeliegenden Comics seit nunmehr fast vierzig Jahren, seinerzeit entwickelt vor dem Hintergrund der Cuba-Krise und dem Hoffnungsträger Kennedy, im Zuge einer kaum greifbaren, doch um so realeren Bedrohung sowie immer noch scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Dieser Geist durchweht auch den Spider-Man des Jahres 2002. Auf der einen Seite die stets präsente Bedrohung, die in diffusen Konstellationen der Führungseliten zumeist im Verborgenen laboriert, doch sich nahezu regelmäßig in Gewalteruptionen manifestiert. Andererseits das verantwortungsbewußte, in der Figur des Spider-Man vereinte Machtpotential des weißen Mittelklasse-Amerika, das seine Fähigkeiten behutsam entfaltet und sich dem Gemeinwohl zur Verfügung stellt. Boyscouts, here we go.

Bereits die Herkunft Peter Parkers, diese anachronistisch unscheinbare Reihenhaussiedlung, die völlig ironiefrei dargestellte Ersatzfamilie mit Onkel Ben und Tante May – Cliff Robertson und Rosemary Harris in gütiger Waltons-Tradition – sowie die stereotype Karikatur einer Zeitungschefetage verdeutlichen den riskanten Spagat des Films zwischen konservativem, mitunter gar reaktionärem Gedankengut vergangener Jahrzehnte, das allerdings zurzeit wieder höchst aktuell ist, und einer effektberstenden state-of-the-art-Inszenierung, die sich in bisher nicht gesehene Höhen aufschwingt – rein technisch betrachtet – dramaturgisch aber ebenso am Boden krebst wie die titelgebenden Arachniden und zumeist in allzu ausgetretenen Pfaden wandelt.

Mit einem Wort: Spider-Man krankt wie so viele Comicverfilmungen zuvor an einer unüberbrückbaren Diskrepanz zwischen der überbordenden Action und unterentwickelten erzählerischen sowie ideologischen Versatzstücken. Nicht, daß Sam Raimi und Autor David Koepp grundsätzlich ein falsches Konzept vorgelegt hätten – eine fein portionierte Ironie beispielsweise durchzieht viele Szenen der nicht unwillkommenen Verwandlung Peter Parkers, der, nebenbei bemerkt, in Tobey Maguire allemal seine Idealbesetzung fand – nein, nur ein bißchen weniger Sicherheitsdenken, eine Spur mehr Leidenschaft und Vertrauen in das grandiose Potential der Vorlage hätten einen wirklich großen Film ermöglicht. Vielleicht aber ist das in diesen Budgetdimensionen bereits zuviel verlangt. 1970-01-01 01:00
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