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Spanglish

USA 2004 R,B: James L. Brooks. K: John Seale. S: Richard Marks. M: Hans Zimmer. P: Columbia, Gracie Films D: Paz Vega, Adam Sandler, Téa Leoni, Cloris Leachman, Sarah Steele u.a.
130 Min. Sony ab 7.4.05

Manchmal ist Schweigen eben doch Gold

Von Maxi Braun »Sie sind seit sechs Jahren in Amerika und sprechen trotzdem kein Wort English?« Die Zweifel von Deborah Clasky, einer exzessiv joggenden Neurotikerin, deren Gewissensbisse gegenüber Minderheiten proportional zu ihrem eigenen Wohlstand gewachsen zu sein scheinen, sind berechtigt.

Weil die illegale Emigrantin Flor aber so hübsch, exotisch und vor allen Dingen benachteiligt wirkt, wird sie als Haushaltshilfe und zur Beruhigung von Deborahs Gewissen eingestellt. Flors titelgebende Sprachschwierigkeiten passen indes perfekt zum Rest der Familie Clasky, deren Mitglieder trotz derselben Muttersprache mehr aneinander vorbei als miteinander zu reden pflegen.

In Spanglish führt Regisseur und Drehbuchautor James L. Brooks eine buntgemischte Patschwork-Familie unter einem Dach zusammen und zeichnet ein Portrait, das in den Händen eines weniger eleganten Regisseurs wohl zu einer Mär aus tausend und einem Klischee verkommen wäre. Stattdessen spielt er mit den in unseren Köpfen lebenden Stereotypen, überzeichnet sie bis zur Satire und zeigt uns lieber, warum Klischees überhaupt so unverwüstlich in unseren Köpfen existieren: Weil eben immer auch ein Funke Wahrheit in ihnen steckt.

In Person der exaltiert-hysterischen Deborah (Téa Leoni) und der warmherzigen Flor läßt Brooks das oberflächliche L.A. auf das temperamentvolle Mexiko prallen. Flor findet in Paz Vega, die in Lucia y el Sexo noch die laszive Sexbombe gab, die perfekte Verkörperung der natürlich schönen Mexikanerin. Sowohl durch ihre Position als Angestellte als auch durch mangelnde Sprachkenntnisse ist sie zunächst zum Schweigen gezwungen, als Deborah in durchaus gut gemeinter Absicht versucht, Flors kleiner Tochter Cristina den American Way of Life näher zu bringen. Um den Grundkonflikt der hervorragenden Hauptdarstellerinnen drappiert Brooks wie schon in Besser geht's nicht eine Vielzahl skurriler Nebenfiguren, unter ihnen auch Adam Sandler, der als stillster Vertreter des Clasky-Clans eine Brücke zwischen den Mentalitäten zu schlagen versucht und die subtilste und pointierteste Leistung seiner bisherigen Karriere abliefert.

Kann man in einem Land leben, ohne sich zu integrieren? Wie integriert man sich, ohne seine ursprünglichen Wurzeln zu verlieren, und beginnt Integration nicht schon mit dem Erlernen einer fremden Sprache, die letztendlich doch nicht dazu führt, daß Menschen wirklich verstehen, was sie sich eigentlich sagen wollen? Kulturelle Kluften und aufeinanderprallende Weltbilder erleben wir nicht nur im Film, sondern jeden Tag auf offener Straße oder zumindest in den Nachrichten. Die Vorstellung, daß diese Probleme letztendlich mit der zwischenmenschlichen Kommunikation oder besser: unserer Unfähigkeit zur selbigen, für die die Sprachbarrieren in Spanglish nur eine Metapher sind, zu erklären sind, ist eines von vielen Angeboten, die uns Brooks im Verlauf des Films macht. Obwohl er immer wieder appelliert, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, gibt er dennoch ehrlich zu, daß es nach all dem herrlich temperamentvollen Diskutieren und Debattieren doch irgendwann nichts mehr zu sagen gibt. Manchmal ist Schweigen eben doch Gold. Und obwohl am Ende kein fröhliches Multi-Kulti-Kollektiv steht, bei dem Sombreros und Cowboyhüte euphorisch in die Luft geschleudert werden, ist Spanglish ein durchweg positiver Film. Eine dynamische und witzige Komödie, was heute leider längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. 1970-01-01 01:00
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