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Sophiiiie!

D 2002. R,B: Michael Hofmann. K: Christopher Rowe, Detlev Schneider. S: Martina Matuschewski. M: Raz Ohara, Frank Popp. P: Spiel.Film, avanti media, Neue Impuls. D: Katharina Schüttler, Alexander Beyer, Martin Brambach, Ercan Durmaz u.a.
107 Min. b.film radikal ab 5.6.03

Wilde Reise durch die Nacht

Von Holger Liepelt Sophie ist im Ausnahmezustand. Morgen um zehn hat sie einen Abtreibungstermin; weder sieht sie sich fähig, ein Kind großzuziehen, noch kann sie die Abtreibung gutheißen. Sophie ist überfordert. Sie stürzt sich ziellos in die Nacht der Großstadt und hofft auf Hilfe, Trost oder Inspiration, doch je länger die Nacht dauert, desto schäbiger und häßlicher wird die Welt. Sophie geht immer aufs Ganze: Egal wem sie begegnet, sie provoziert und konfrontiert, lügt und spielt allen was vor – sie will, daß man sie wahrnimmt und daß man auf sie reagiert. Mit der Wucht eines Kometen knallt Sophie in die Männerdomänen der Großstadt, die billigen Kneipen und Bordelle.

Hemmungslos und unbefangen bewegt sie sich unter ihnen, macht sie an und stachelt sie auf. Die Männer aber können soviel Selbstbewußtsein einer Frau an ihren Rückzugstätten nicht zulassen, sie riechen die Schwäche und die Verzweiflung dahinter, und deswegen wird Sophie wieder und wieder aufs Schlimmste gedemütigt, sie muß mehr und mehr leiden, körperlich und seelisch.

Es ist nicht ohne Risiko, jemanden wie Sophie als Protagonistin vorzustellen; zuweilen ist sie unsympathisch, selbstsüchtig und unvernünftig. Der Kunstgriff Michael Hofmanns, dennoch jeden für Sophie einzunehmen, ist die radikal subjektive Erzählperspektive: Es gibt keine Szene ohne sie. Die Kamera klebt an ihrem Gesicht, schon die erste Einstellung zu nah, um noch angenehm zu sein. Sophie heult, der Rotz läuft, sie wischt ihn ins Gesicht. Je länger man Sophie dann aber begleitet, nach und nach ihre Hilflosigkeit in der Ziellosigkeit erkennt, nach und nach die bedrückenden Umstände ihrer Schwangerschaft klarer werden, desto weniger kann man sich Sophie entziehen.

Sophie erlebt keine echte Freude in dieser Nacht. Wenn sie lacht, dann gezwungen und gekünstelt, aber man kann erahnen, was für ein ausgelassenes, lebensfrohes Energiebündel sie normalerweise ist. Hofmanns Trumpf bei dieser ausgefeilten Charakterisierung ist Katharina Schüttler. Sie spielt Sophie völlig distanzlos und hält durch ihren Parforceritt die episodischen Szenen zusammen. So extrovertiert Sophie zuweilen ist, unnatürlich wirkt sie dabei nie.

Eine natürliche Wirkung scheint ohnehin wichtiges Element für den Film gewesen zu sein: Die Schauplätze wirken echt in ihrer Trostlosigkeit, und die Nebendarsteller erscheinen ohne künstliche Schrullen und Skurrilitäten. Dadurch darf man sich jedoch nicht dazu hinreißen lassen, ein Drama mit Anspruch der Alltäglichkeit in Sophiiiie! zu sehen, zu konstruiert sind Zufälle und Geschehnisse. Gelegentlich überspannt Hofmann den Bogen auch; Sophie wird nicht weniger als drei Mal beinahe oder tatsächlich vergewaltigt, wird zu oft geschlagen und verletzt. Die durch die Ballung der Schlechtigkeiten hervorgerufene Künstlichkeit der Plotkonstruktion schadet dem Film aber nicht, sondern fokussiert den Blick auf Sophie.

Sophiiiie! ist die Charakterstudie einer extremen Frau, die sich von allen im Stich gelassen fühlt und in ihrer Hilflosigkeit Sinn in der Selbstzerstörung sucht. Genau wie im Film Sophies Zufallsbekanntschaften sie kaum vergessen werden können, weil die Begegnungen so außerordentlich sind, so wird Sophiiiie! im Guten wie im Schlechten, noch lange im Zuschauer nachwirken. 1970-01-01 01:00

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