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Sonnenallee

D 1999. R,B: Leander Haußmann. B: Thomas Brussig. K: Peter-Joachim Krause. S: Sandy Saffeels. D: Alexander Scheer, Alexander Beyer, Katharina Thalbach, Detlev Buck u.a.
101 Min. Delphi ab 7.10.99
Von Thomas Waitz »Du hast den Farbfilm vergessen«, erklingt es zum Ende des Films in einem alten Schlager – »Jetzt glaubt uns niemand, wie schön es hier war«, während sich das Bild in Grautöne verwandelt. Anhand Thomas Brussigs preisgekröntem Drehbuch unternimmt Leander Haußmann in seiner ersten Regiearbeit fürs Kino eine doppelte Reise: Zurück in die Siebziger Jahre geht es, und es geht zurück in die untergegangene Welt des Alltags in der DDR.

Die Sonnenallee, das ist eine Berliner Straße, deren längster Teil im Westen, und dessen Ende im Osten der Stadt lag – dazwischen: die Mauer. In sehr schön gestalteten, tableauartigen Einstellungen lernen wir das Personal kennen: Da sind zunächst einmal Micha, Mario, Wuschel und ein paar andere Jungs. Die meisten stehen kurz vor ihrem Schulabschluß und damit vor der Entscheidung, ob sie sich der NVA verpflichten oder es bleiben lassen. Das Herumhängen, das immer voller Vitalität ist, die gemeinsame, gewöhnliche Freizeitgestaltung erleben wir in bunter, oftmals die Grenze des Klamauks tangierender Fröhlichkeit.

Die nostalgietrunkene Ausstattung speist sich aus einem ganzen Arsenal genuiner Phänomene der Ost-Popkulur, deren bezeichnenstes Merkmal mutmaßlich das Prinzip des workarounds zu sein scheint: Sind keine gebräuchlicheren Drogen vorhanden, dann tut es eben auch das in Kola aufgelöste Asthmamittel aus der Drogerie – im übrigen mit durchschlagender Wirkung. Micha (Alexander Scheer) und seine Familie bilden so etwas wie die Säulen der episodenhaft angelegten Erzählweise, die zusammengehalten wird von der Entwicklungsperspektive, die in Michas Liebe zum Nachbarmädchen Miriam liegt.

Daß sich die DDR im Nachhinein nur zur Burleske eigne, vermutet Brussig im Presseheft zum Film bestimmt nicht ganz zu Unrecht, und tatsächlich gelingt ihm und Haußmann eine – so noch nicht dagewesene – Beschreibung dessen, was den Alltag im System der DDR ausgemacht haben könnte. Die gewollte Künstlichkeit, das Sichtbarmachen des Inszenierten gehört dabei zum Konzept – wenn sich hier auch weniger ein generisch filmsprachliches Mittel vermuten ließe, als vielmehr ein sich durch die Herangehensweise des vom Theater kommenden Haußmanns nebenbei einstellender Effekt.

Detlev Buck, der mittlerweile Gefahr lief, sich zur größten Knallcharge des deutschen Films zu entwickeln, spielt im Rahmen seiner begrenzten mimischen Möglichkeiten angenehm zurückhaltend. Die übrigen Rollen sind durch die Bank hervorragend gecastet und brillant gespielt, insbesondere die »Erwachsenen« – allen voran Henry Hübchen und Ignaz Kirchner. Oft sind es dann doch nur die Darsteller, die den Film davor retten, ins klamottenhafte abzugleiten.

»Dieses Land ist so eng wie ein paar Schuhe«, schreibt Micha in einer dramturgisch geschickt aufgelösten Szene gegen Ende des Films in sein Tagebuch. Und während es – in einer Parallelmontage vermittelt – zu einem Stromausfall an der Grenze kommt, fügt er an: »Aber es gibt Licht am Ende des Tunnels«. Das Ende des Tunnels: das ist – ganz im kleinen – das Licht am Ende der Sonnenallee.

Brussig und Haußmann haben da recht, wo sie eine authentische, glaubhafte Lebenserfahrung gegenüber denen verteidigen, die in der DDR vor allem Mauer, Stasi, und Unfreiheit sehen und gesehen haben. Buch und Regie sparen diesen Bereich nicht aus, sondern ordnen ihn ein in die glaubhafte Geschichte einer Jugend. War am Ende alles auch ein großer Spaß? So könnte es gewesen sein. Oder ganz anders. 1970-01-01 01:00

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