— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Sommersturm

D 2004. R,B: Marco Kreuzpaintner. B: Thomas Bahmann. K: Daniel Gottschalk. S: Hansjörg Weißbrich. M: Niki Reiser. P: Claussen & Wöbke. D: Robert Stadlober, Kostja Ullmann, Alicja Bachleda-Curus, Marlon Kittel, Jürgen Tonkel u.a.
98 Min. X Verleih ab 2.9.04

Virtuose Variation

Von Oliver Baumgarten Ein gewaltiges Unwetter zieht heran, kräftiger Wind plustert die bunten Zeltplanen auf, Platzregen weicht die gemütlich gesessene Wiese in feuchten Matsch, ein mächtiger Baum stürzt krachend zwischen die Zelte und liegt da wie ein grenzziehender, schwerer Schlagbaum, sauber die Zelte von Tobi und den anderen trennend. Ein typischer Sommersturm – laut erst und beängstigend und doch am Ende reinigend und erfrischend.

An diesem Nachmittag im Zeltlager der jugendlichen Ruderer ist es fast, als hätte Tobi den Sturm heraufbeschworen. Er, der Schlagmann guter Laune und des zarten pubertären Machismos, ausgerechnet Tobi muß sich die Liebe zu seinem besten Freund eingestehen. Da kann auch die offene Zuneigung der Klassenschönheit nicht mehr helfen: Der Ruderregatta-Ausflug, an dem überdies auch noch eine schwule Rudergruppe teilnimmt, wird für Tobi zum Moment endgültiger Erkenntnis. Nein, das Leugnen lohnt nicht mehr, er sieht der Wahrheit ins Gesicht: Tobi ist schwul. Und prompt knallt alles vom nun entfachten Sturm Demolierte rummsend zwischen ihn und seine Freunde.

Es ist wirklich faszinierend mitanzusehen, wie es Marco Kreuzpaintner und seinem Team gelingt, die Geschichte stets filmisch auf den Punkt zu formulieren und in keinem Moment des Messers Schneide zu verlassen, ja nicht einmal ins Wanken zu geraten. Die Erzählung ist frech und doch im rechten Moment sensibel und aufrichtig in einem Genre, dem in den letzten Jahren zum Teil übel mitgespielt wurde. Dazu präsentiert sich Sommersturm auf technisch und ästhetisch hohem Niveau. Kamera und Schnitt treffen stets den Ton des dramaturgischen Moments und patrouillieren die Atmosphäre in die Aufmerksamkeit des Zusehers. Alles fließt, könnte man sagen. Alles fließt und mündet beim Abspann in die übermütige Scheinerkenntnis, wie einfach es doch ist, einen guten Film zu machen. Ist es natürlich nicht, aber der Eindruck zählt. Wer will schon, daß jeder Film sein jeweiliges Genre neu erfindet? Die perfekte Umsetzung der entsprechenden Regeln, die virtuose Variation des Themas, die stimmige Komposition aller Elemente sind Anforderung genug, um regelmäßig komplett zu scheitern. Den Produzenten Claussen & Wöbke sind etwa mit Hans-Christian Schmids Crazy oder Michael Gutmanns Herz über Kopf bereits eine Reihe solch stimmiger Coming of Age-Variationen gelungen.

Als der Sturm vorbei ist, der Himmel wieder aufreißt und den Blick auf die Trümmer freigibt, macht sich Tobi ans Aufräumen. Was er dabei findet ist mehr als er erhofft hat. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap