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Sommer '04

D 2006. R: Stefan Krohmer. B: Daniel Nocke. K: Patrick Orth. S: Gisela Zick. M: Ellen McIlwaine. P: Ö-Filmproduktion. D: Martina Gedeck, Peter Davor, Robert Seeliger u.a.
97 Min. Alamode ab 19.10.06

Die Lust schlägt zurück

Von Ekaterina Vassilieva Die genaue Jahresangabe im Titel trügt: Der Film ist im geschichtlichen Vakuum angesiedelt, in dem sich alle Zeichen der Zeit verwischen.

Während des Sommerurlaubs im eigenen Ferienhaus an der Ostseeküste hat es die Familie besonders leicht, sich von der Außenwelt abzuschirmen und nur auf die eigenen Bedürfnisse umzuschalten. Aber auch innerhalb des Familienkreises herrscht blanker Individualismus: Die Privatsphäre des anderen zu respektieren ist das höchste Gebot. Die Eltern – Miriam und André – sind entspannt genug, um sich in die Beziehung von Nils und seiner 12jährigen Freundin Livia, die ihre Ferien mit ihnen im Haus verbringt, so wenig wie möglich einzumischen. Aber auch Nils sieht anscheinend keinen Grund für Aufregung, als Livia beginnt, ganze Tage mit einem gutaussehenden Amerikaner beim Surfen zu verbringen. Miriams Entscheidung, in diesem Falle einzuschreiten, fällt ihr nicht leicht und stößt auf das völlige Unverständnis der Familie, in der der freie Wille weit mehr Gewicht hat als zu eng gefaßte Moralvorschriften.

Sommer 04 spielt souverän mit mehreren filmischen Sprachen, indem er Elemente des französischen Liebesfilms in der Tradition eines Eric Rohmer mit dem »sadistischen Realismus« à la Haneke verbindet und auch mit dem klassischen Psychothriller kokettiert. Die Spannungskurve wird äußerst kunstvoll aufgebaut, so daß der Schock den Zuschauer nach mehreren scheinbar ins Leere gehenden Anläufen schließlich völlig unvorbereitet und auf einer ganz anderen Ebene erwischt. Dabei gelingt es Regisseur Stefan Krohmer, das Lebensgefühl einer Gesellschaft nachzuzeichnen, in der verdrängte Emotionen in den raffiniertesten und bisweilen abartigsten Formen wiederkehren. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.
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