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Sometimes Happy Sometimes Sad

Kabhi Khushi Kabhie Gham. IND 2001. R,B: Karan Johar. K: Kiran Deohans. S: Sanjay Sankla. M: Jatin-Lalit, Sandesh Shandilya. P: Dharma Productions. D: Amitabh Bachchan, Jaya Bachchan, Shah Rukh Khan, Kajol u.a.
210 Min. Rapid Eye Movies ab 10.4.03

Tandkastenspiele

Von Achim Wetter Die Produkte der Traumfabriken Bollywoods sind nichts anderes als die sinnbildlichen Destillate kollektiver Wunschträume eines nach Vergnügung süchtigen Massenpublikums. Wie überall sonst werden die ästhetischen Prinzipien des Mainstream von den Gesetzen des Marktes bestimmt und durch die Selektionsmechanismen der Kinokasse immer aktuelle Sublimate gesellschaftlicher Ängste und Sehnsüchte in die Kinos geschwemmt.

Den Konkurrenzprodukten aus Hollywood drückte der Kalte Krieg lange Jahre nachhaltig den Stempel quasireligiöser Ritualisierung waffentechnischer Aufrüstung für den finalen Entscheidungskampf auf. Diese uramerikanische Faszination an der Mechanik des Colts löste sich zwar mittlerweile aus dem Filmbild heraus und verlagerte sich in die überbordenen digitalen Spezialeffekte der Postproduktion, das narrative Modell »Einer gegen das Böse« blieb jedoch erhalten. Gänzlich abgeschottet von dieser Genese speist sich der erzählerische Fundus Bollywoods entweder aus dem Schatz viele Jahrhunderte alter Überlieferungen oder aus märchenhaften Transformationen der immer gleichen sozialen und gesellschaftlichen Problematiken. Die relative Naivität der Bildkompositionen mag sich auch mehr und mehr den Erfahrungen einer international geprägten, vor allem nach Geld und Spaß strebenden Jugend anzupassen und zuweilen in einen irrsinngen Taumel zu verfallen bei der Zurschaustellung von materiellem Überfluß. Da solche Präsentationsorgien von westlichen Statussymbolen aber dramaturgisch stets sekundär bleiben, wird unter der Patina das Spiegelbild eines zwischen seinen traditionellen Werten und den Verheißungen einer modernen Welt zerrissenen Landes sichtbar.

Auch in Sometimes Happy Sometimes Sad zerbricht eine Familie fast am Konflikt zwischen Einst und Jetzt: Der älteste Sohn Rahul widersetzt sich der arrangierten Heirat und ehelicht die nicht standesgemäße, quirlige Anjali. Sein despotischer Vater verstößt ihn, und so flieht Rahul mit Anjali in ein neues, modernes Leben im Londoner Exil. Viele Jahre später kehrt sein jüngerer Bruder wie einst Rahul vom Studium im fernen England zurück. Er spürt dort die Kälte, die Rahuls Weggang zwischen den Eltern entstehen ließ und beschließt, ihn auf eigene Faust zu suchen und die Familie zu vereinen. Nach einer Reihe komischer und rührender Verwicklungen und einigen gewohnt skurrilen Tanzeinlagen mit Schauplatz London gelingt es schließlich in einem tränenreichen Finale, den verstoßenen Sohn mit dem geläuterten Vater zu versöhnen.

Mit Sometimes Happy Sometimes Sad kommt erstmals offiziell eine unverfälschte Bollywood-Großproduktion mit deutschen Untertiteln in die Kinos. Dem Zuschauer wird damit ein recht hohes Maß an Bereitschaft abverlangt, die eingeschliffenen Rezeptionsgewohnheiten immer wieder mit dem Gesehenen abzugleichen, um sich nicht in der Erlebniswelt zwischen Film, Musical und Videoclip zu verirren. Wer sich jedoch darauf einläßt, bekommt nicht nur die aktuelle Starriege des Bollywoodkosmos und einen prototypischen Kassenschlager zu sehen. Er wird auch mit den üblichen 210 Minuten kinotechnischem Hochglanzmaterial, einem emotional hochgerüsteten Dramaturgie-, Bild- und Musikpotpourrie und vor allem mit einem in jeder Hinsicht kurzweiligen Kinoabenteuer belohnt. 1970-01-01 01:00

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