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Der Soldat James Ryan

Saving Private Ryan. USA 1998. R: Steven Spielberg. B: Robert Rodat. K: Janusz Kaminski. S: Michael Kahn. M: John Williams. D: Tom Hanks, Tom Sizemore, Edward Burns, Matt Damon, Ted Danson u.a.
167 Min. UIP ab 8.10.98
Von Oliver Baumgarten Die »Stars & Stripes« flattern lichtdurchflutet im Wind, ihre Farben sind blaß, die Konturen schemenhaft – aller Glanz dahin. So beginnt Spielbergs Relativierung des amerikanischen Strategie- und Taktikmythos' D-Day, der Invasion der Normandie 1944.

Die folgenden knapp 30 Minuten sind das Bewegendste, Gräßlichste, Klaustrophobischste und Erschütterndste, was je ein Film über den Krieg zu zeigen vermochte: gnadenlos distanzlose Großaufnahmen der zitternden, jammernden, kotzenden Soldaten, die in der Enge eines Landungsbootes der Ungewißheit harren. Die Landungsklappe fällt, und endlose Gewehrsalven zerfetzen die völlig überraschten Körper.

Janusz Kaminskis blutbespritzte Handkamera fällt ins Wasser und rettet sich mit den Soldaten vor dem ohrenbetäubenden Kugelhagel deckungsuchend an Land. Einem 30minütigen Adrenalinstoß gleich hechelt sie schutzlos durch den Sand, während links und rechts die Soldaten wie Schlachtvieh verrecken. So wie diesen keine Chance des Entkommens geboten ist, gönnt auch Spielberg seinen Zuschauern kein Entrinnen, keine Panorama-Einstellung, kein ablenkender Zwischenschnitt. Statt dessen das dumpfe Dröhnen der Geschosse, grelle Schreie der gräßlich Verstümmelten, Blut, Dreck. Es wird deutlich wie nie: Welcher Soldat den Krieg überlebt und wer nicht, ist nichts als ein launiger Zufall, eine pikante Lotterie des Schicksals.

Das Resultat eines solchen Zufalls wird James Ryan zuteil, dessen drei Brüder während der Invasion sterben und der nun, als einzig verbliebener Sohn, zu seiner Mutter heimkehren soll. Captain Miller wird mit seinen Leuten befohlen, Ryan hinter den feindlichen Linien aufzustöbern. Acht Männer riskieren ihr Leben, um eines zu retten – eines, das einer PR-Aktion dient.

Spielberg zeigt die Helden, die dem gängigen Bild nach mit stolz geschwellter Brust die Normandie überrannten, als arme Geschöpfe, die die Grenzen des Erduldbaren bis hinter das Vorstellbare überschreiten. Figuren, wie der von Tom Hanks dargestellte Captain Miller, sind keine erfahrenen »Front-Schweine« wie »Steiner«, die wagemutig alles ummähen und damit sogar noch heroische Sympathien einheimsen. Miller ist ein gebrochener Mann. Läßt er von seiner demonstrierten Härte ab, fällt er wie ein Kartenhaus zusammen: Heldentum als Nebenprodukt der Angst und als geflügeltes Wort für überlebten und persönlich absolut sinnlosen Wahnsinn. Aus Furcht vor dem eigenen Mut und der fälschlichen Annahme, er würde bei aller Kritik der Leistung der Soldaten nicht gerecht, baut Spielberg eine absolut redundante Gegenwartsrahmenhandlung ein. Er hätte seinen Bildern wirklich trauen können.

Es ist müßig über die »Realitätsnähe« eines Films zu diskutieren, und ich langweile mich schon jetzt über Statements sogenannter Experten. Der Soldat James Ryan ist in erster Linie Fiktion, genial und mit beispielloser Härte umgesetzt von einem Mann, der 1944 noch drei Jahre auf seine Geburt warten durfte. Es ist Spielbergs Vision von der gnadenlosen Grausamkeit und Paradoxie des Krieges, und ich partizipiere mit großer Hochachtung. 1970-01-01 01:00

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