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So haben wir gelacht

Così ridevano. I 1998. R,B: Gianni Amelio. K: Luca Bigazzi. S: Simona Paggi. M: Franco Piersanti. D: Enrico Lo Verso, Francesco Giuffrida, Rosaria Danzé u.a.
124 Min. Prokino ab 22.7.99
Von Thomas Warnecke Gianni Amelio hat sich von der Gegenwart verabschiedet: Hatte er bisher in der Nachfolge der italienischen Neorealisten Geschichten vom sozialen und geographischen Rand Europas erzählt (Gestohlene Kinder; Lamerica), so hat er jetzt mit So haben wir gelacht einen Kostümfilm in einer Zeit angesiedelt, zu der der Neorealismus seine letzten großen Meisterwerke hervorbrachte.

In sechs Kapiteln, die Überschriften tragen wie »Ankunft«, »Blut« oder »Geld«, erzählt der Film von den 50ern bis zur Mitte der 60er Jahre (lange Haare!) die Moritat von den Brüdern Giovanni und Pietro, die aus dem Süden gen Norden in die reiche Stadt Turin ziehen, um dort Arbeit zu finden. Giovanni ist fleißig, aber Analphabet, und opfert sich auf für Pietro, intelligent, aber melancholisch, um ihm eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Das Glück ist mit den Tüchtigen, und so schafft Giovanni es, sich zu etablieren, während Pietro immer mehr den Halt zu verlieren droht.

Alles schon mal besser gesehen, wenn nachts im Fernsehen Rocco und seine Brüder wiederholt wurde, Viscontis Meisterwerk von 1960, das unverkennbar das Vorbild für diesen Kostümfilm abgegeben hat. Und so sehr sich Amelio auch bemüht, Episode für Episode vergangene Zeiten wieder aufleben zu lassen, herausgekommen ist nicht mehr als ein Abziehbild einer vergangenen Epoche, Klischees bis in die letzte Nebenfigur, Geschichte als Melodram. Die Figuren in dieser Passionsgeschichte sind tot, Zombies, die auf eine Reise durch ein virtuelles Kulissen-Turin geschickt wurden; Enrico Lo Verso in der Rolle des Giovanni läuft wie ein Gespenst durch die Milieus, und weder er noch die Zuschauer wissen, was er hier zu suchen hat.

Der Film entbehrt nicht der süßlichen Nostalgie; wehmütig wird an eine Zeit erinnert, als Lesen und Schreiben noch den Aufstieg in bessere Verhältnisse bedeutete, doch es bleibt das schale Gefühl, daß Amelio sich aus der Gegenwart in frühere Zeiten davongestohlen hat, weil er nur dort den Stoff für seine holzschnittartige Geschichte von Bruderliebe und Opfergang zu finden glaubt. Was haben wir geweint, damals, im Kino. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #15.
© 2012, Schnitt Online

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