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Snow Cake

GB/CDN 2006. R: Marc Evans. B: Angela Pell. K: Steve Cosens. S: Mags Arnold. M: Broken-Social-Scene. P: Revolution Films, Rhombus Media. D: Alan Rickman, Sigourney Weaver, Carrie-Anne Moss u.a.
112 Min. Kinowelt ab 2.11.06

Scham und Schuld

Von Constanze Frowein Mannigfaltig wie er ist, kann der Begriff von Schuld den Menschen schier in den Wahnsinn treiben. Das wissen wir spätestens seit Kafka, wenn der Prokurist Joseph K. von einem unberechenbaren Machtinstrument einer Schuld angeklagt wird, die er selbst nicht einmal kennt. Marc Evans behandelt sein Publikum schonender. Mithilfe einer Autistin, die sich den Wertmaßstäben einer für sie fremdartigen Außenwelt entzieht, geht er das Thema mit dem Mittel der Perspektivverschiebung behutsam und weniger schmerzhaft an. Diese fungiert somit als Katalysator zur Bewältigung von Schuld- und Trauergefühlen, welchen sich der Hauptdarsteller von Snow Cake stellt. Der gerade aus dem Gefängnis entlassene, introvertierte Alex trifft auf die Autistin Linda, deren Tochter bei einem Unfall in seinem Wagen ums Leben gekommen ist. Nicht allein der Zufall scheint das Mädchen als Anhalterin genau in seinem Wagen Platz genommen haben zu lassen. Ihre Mutter erklärt später, sie habe Schriftstellerin werden wollen, sei immer bei Leuten mitgefahren, die am einsamsten aussähen, »denn die haben immer die besten Geschichten«.

Alex konfrontiert sich und seine Schuldgefühle mit der Mutter der Toten. Doch deren Welt baut auf andere Grundsätze. Die Vorstellung von Scham und Schuld, Moral und Benimm kippt in der Gegenwart der Autistin in ein befreiendes Gefühl jenseits von Rechtfertigungszwängen. Auch deren Nachbarin Maggie, in die sich Alex Stück für Stück verliebt, mag sich den einengenden Strukturen des kanadischen Städtchens, in dem sie lebt, aus völlig anderen Gründen nicht ergeben. Bedeutungs- und Bewertungsmaßstäbe werden nicht gesprengt, aber doch von einigen Seiten betastet und erkundet. Langsamkeit und Behutsamkeit machen die Stärken des Films aus, und auch die Besetzung Alex‘ mit Alan Rickman unterstützt in ihrer körperlich wie mimisch minimalistisch beeindruckenden Umsetzung den Tenor des Films.

Zuletzt jedoch gerät Marc Evans doch noch ins Fahrwasser der Sentimentalität: Auf der Trauerfeier ihrer Tochter befreit sich Linda tanzend von der Last der Trauer, um ihrem Kind nahe zu sein. Auch ohne die bildliche Zusammenführung von Mutter und Tochter in einer traumartigen Sequenz hätte der Zuschauer die Intensität des Moments begriffen.

Dennoch: Snow Cake wirbt weniger um das Verständnis für eine Krankheit, als vielmehr darum, spannende Dimensionen unterschiedlichster Lebensansichten kindlich-neugierig zu betrachten. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.
© 2012, Schnitt Online

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