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Slumming

A/CH 2006. R,B: Michael Glawogger. K: Martin Gschlacht. S: Christof Schertenleib. M: Peter von Siebenthal, Daniel Jakob, Till Wyler, Walter W. Cikan. P: Lotus Film. D: August Diehl, Paulus Manker, Michael Ostrowski, Pia Hierzegger u.a.
100 Min. Alpha Medienkontor ab 19.4.07

Aus dem Leben der Taugenichtse

Von Tamara Danicic »Sie haben das Ziel erreicht«, meldet die metallische Navigationssystemstimme. Sie scheint die einzige zu sein, die weiß, wo’s lang geht. Alle anderen sind auf der Suche: nach dem Heimweg, nach einander, nach der nächsten Flasche Rum, nach Sinnhaftigkeit im Leben oder einfach nur nach postpubertärem Spaß. Den holen sich der Berufssohn und Zyniker Sebastian und sein Freund Alex beim Slumming, einer Art Milieu-Voyeurismus. Ziel ihres Sports ist es, möglichst abgetakelte Wiener Spelunken und drittklassige Etablissements (die »Sultan« oder »Roxy« heißen) aufzutun und dort garstige kleine Scherze mit den Leuten zu treiben.

Sebastian ist überzeugter Nichtsnutz, ein Getriebener mit genügend Geld, aber ohne jeden moralischen Boden unter den Füßen. Ein Deutscher in Wien, der aber keineswegs nur fremd ist, weil er als Fremder in der Fremde ist (um den bayerischen Meisterphilosophen Karl Valentin zu zitieren), sondern weil er nicht weiß, wie er bei sich selbst ankommen soll – und ob er das überhaupt wollen will. August Diehl lädt seinen Sebastian mit einer charmanten Arroganz auf, die seine Figur wunderbar zwiespältig macht.

Wie es der Zufall im Film so will, treffen Sebastian und Alex eines Nachts auf den Säufer, Poeten und Choleriker Kallmann. Scheinbar aus einer völlig anderen Galaxie stammend, entpuppt Kallmann sich am Ende als Sebastians Spiegelbild. Denn auch er ist ein Fremdkörper – wenn auch in seiner eigenen Stadt, die er nur verläßt, weil Sebastian und Alex es lustig finden, den komatös Betrunkenen nachts über die tschechische Grenze zu schmuggeln. Paulus Manker ist Kallmann. Schon von der ersten Minute an, wenn seine zusammenhanglose Suada auf das Publikum einprasselt, zieht er einen in seinen Bann. Wenn er gegen den eisigen Winter, ignorante Passanten und die Dämonen in seinem Kopf kämpft, gehört die Leinwand einzig und alleine ihm.

Gegen Kallmann und Sebastian hat die Dritte im Bunde, Pia, praktisch kaum eine Chance. Die Grundschullehrerin, die am Wochenende als Garderobiere in einer Disco jobbt, zum Fasching als Mann geht, der sich als Frau verkleidet hat, und die ohne Punkt und Komma reden kann, beginnt aus reinem Mitleid, in Tschechien nach Kallmann zu suchen. »Man muß was tun, sonst g’schieht nix«, lautet ihr Motto. Die Tatsache, daß sie die einzige wirklich erwachsene Figur ist, reduziert ihr Entwicklungspotential allerdings auf nahezu Null.

Die Grundfrage, die Slumming stellt, ist, ob unterm Strich das zählt, was man mit seinem Tun verfolgt, oder das, was am Ende dabei herauskommt. Denn so sehr Sebastian auch den Anti-Samariter gibt, so setzt er dennoch bei Kallmann einen (zum Glück nur angedeuteten) Läuterungsprozeß in Gang. Und auch mit ihm selbst passiert etwas. Paradoxerweise muß er dazu in einen indonesischen Slum, um dort endlich als absolut Fremder in der Fremde zumindest für einen kurzen Moment mit sich ins Reine zu kommen.

Doch auch wenn der Abspann schon lange durchgerollt ist, weiß man, daß es ein Ankommen für Kallmann und Sebastian eigentlich nicht geben kann. Der musikalisch unterfütterte, großartig rastlose Rhythmus, in den der Editor Christof Schertenleib (der auch schon für Ulrich Seidl gearbeitet hat) ihre erratischen Wege überführt, hallt nach, will weiter. Glawogger strebt weder auf eine moralische Zielgrade zu noch sucht er das kathartische Platzen dramaturgischer Knoten. Schließlich ist das einzige, das man von unserer heutigen Gesellschaft noch erwarten kann, daß etwas getan wird, damit überhaupt etwas geschieht. 1970-01-01 01:00

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