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Sketches of Frank Gehry

USA 2005. R,B,K: Sydney Pollack. K: Marcus Birsel, Ultan Guilfoyle, Claudio Rocha, George Tiffin. S: Karen Schmeer. M: Claes Nystrom, Jonas Sorman. P: American Masters, LM Media u.a. Mit Charley Arnoldi, Barry Diller, Michael Eisner, Rolf Fehlbaum u.a.
83 Min. Kinowelt ab 5.7.07

Fertiger des Unfertigen

Von Mark Stöhr Die Vision beginnt im Mülleimer. Er findet ein zerknülltes Blatt Papier, hält es gegen das Licht, zerknetet es in seinen Händen, bis aus einem zerknüllten Blatt ein zerknüllteres Blatt wird, überprüft den Grad der Deformierung, ist noch unzufrieden, zieht hier eine Spitze heraus, dort einen Knick gerade, überprüft seine Arbeit ein zweites Mal – und strahlt. Aus dieser surrealen Skulptur könnte eines Tages ein Haus werden. Kein Hirngespinst, sondern pure Haptik. Die Baudetails für den Baumeister liefert später der Computer – Hightech und Holzspielzeug liegen nur selten so nah beieinander.

Ein zurückhaltender, fast scheuer Mensch ist dieser Frank Gehry, mit einem verschmitzten Lächeln jedoch, das befürchten läßt, daß er jeden Moment zu einem Purzelbaum oder einem Sprung auf den Tisch ansetzen könnte. Er tut nichts dergleichen. Er geht zurück zum Mülleimer und sucht sich ein weiteres zerknülltes Blatt Papier.

Der Architekt Frank Gehry hat über den halben Erdball verstreut seine dekonstruktivistischen Raumkörper gebaut. Einkaufszentren, Wohnsiedlungen, Parks, Museen, Banken und Restaurants. Die Geometrie ist in Unordnung, das Material so vielfältig wie jede Wand schief: Titanium, Glas, Beton, Stahl, Holz, Stein, bisweilen alles zusammen. So bauen Dreijährige Häuser – mit einem Unterschied: Bei Gehry stimmt die Statik und die Funktionalität auch. Zu seiner wohl berühmtesten Schöpfung gehört das Guggenheim Museum in Bilbao, dieses kubistische Schneckenhaus am Fluß Nervion, das sich wie eine abstrakte Skulptur über die Dächer der Stadt erhebt. Wo endet die Kunst, wo beginnt die Architektur? Gehry verwischt selbstbewußt die Grenzen und sucht die Perfektion im Unfertigen.

Der Film tut es ihm gleich. Es ist nicht in erster Linie ein Film über Architektur, sondern das skizzenhafte Dokument einer Begegnung. Sydney Pollack und Frank Gehry sind seit langer Zeit befreundet. Über fünf Jahre lang begleitete der Dokumentarist, der eigentlich Spielfilmregisseur ist, den Architekten, der eigentlich Künstler ist. Er besucht ihn in seiner Firma, die inzwischen auf über 140 Mitarbeiter angewachsen ist, und dokumentiert den Produktionsprozeß mit den Augen eines Laien, der in einem Modellbauladen gelandet zu sein scheint. Ein krudes Konstrukt aus Karton, Gehry schlägt vor und verwirft, der Assistent legt an und klebt um. So geht das eine ganze Weile. Eine Zwischenfrage von Pollack, streng unfachmännisch. Ortwechsel, nonchalantes Geplauder über Privates und Biographisches, wie das nur zwei tun können, die sich schon lange kennen. Gehrys Psychoanalytiker betritt die Bühne und erzählt, wie ihm nach den ersten Erfolgen seines Klienten plötzlich Scharen von Architekten die Bude einrannten in der Hoffnung, er möge aus ihnen in ähnlicher Weise ein Genie machen. Dann Julian Schnabel, in einem weißen, ziemlich abgeschabten Morgenmantel, voll des Lobes über den Erfindungsreichtum des 78Jährigen, wahrscheinlich betrunken, dann wieder Gehry, jetzt aber in Europa, in der DG-Bank in Berlin, die er vor sechs Jahren gebaut hat, wie ein Vater im Bauch seines Kindes, dann ein Kunstprofessor, der die Architektur des Amerikaners eigentlich für Bullshit hält und bloß nach einem anderen Wort sucht. Das ist toll und lustig dazu.

Wie Gehry seine Skizzen mit scheinbar leichter Geste aufs Papier wirft, um daraus später hochkomplexe Konstruktionen aus Stahl und Stein hochzuziehen, baut Pollack seinen Film. Hier wird nicht Themenpark an Themenpark gereiht, sondern laufend vom Hauptstrang in einen Hohlweg abgebogen, bis es nicht mehr weiter geht, umgedreht, weitergefahren, wieder ausgeschert. Und so wie Gehrys Bauwerke Wind und Wetter trotzen, steht auch der Film sattelfest auf dem Boden seiner intuitiven Dramaturgie. Zwei Fertiger des Unfertigen, die sich gefunden haben. Vielleicht auch nur zwei Kindsköpfe mit dem wachen Blick für Visionen. Uns ist alles recht, solange die Bausubstanz stimmt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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