Pech, Marie!
Von Thomas Waitz
Während Skagerrak noch zu Beginn im Hinblick auf Setting, Personal und in seinem visuellen Ausdruck alle Elemente aufgreift, die man hierzulande als typisch für jene skandinavischen Filme ansieht, die sich der Beschäftigung mit sozialer Realität verschrieben haben, entpuppt sich Søren Kragh-Jacobsens Werk recht bald als Komödie, in der die verhandelten Konflikte nur noch Rahmen und Anlaß abgeben. Anlaß für was – das will sich allerdings nicht so recht erschließen.
Im Zentrum steht die Figur der Dänin Marie, die mit ihrer Freundin, der Irin Sophie, und nach zahlreichen Aushilfsjobs in einer kleinen schottischen Stadt landet. Das Leben scheint einigermaßen trostlos – allein die wiederkehrenden, gemeinsamen Alkoholexzesse bieten Zuflucht. Bald ist das Geld alle: Doch mit der Idee, Leihmutter für eine reiche Familie zu werden, beginnen erst Maries eigentliche Probleme.
Er habe die großen europäischen Märchen im Kopf gehabt, als er Skagerrak geschrieben habe, läßt sich Kragh-Jacobsen zitieren. Allein: Solcherart Bezüge werden mehr behauptet als eingelöst, lediglich der Verzicht auf die Ausgestaltung einer psychologischen Tiefenstruktur der Figuren – mit Ausnahme der Hauptfigur – scheint wie ein Verweis auf die Flächenhaftigkeit des Märchens zu sein. Wer mag, kann in den Charakteren des sich wandelnden Erlösers, der Freundin und der tölpelhaften, aber letztlich herzensguten Gaunerbande Stereotypisierungen entdecken, die gewollt Typologien des Volksmärchens wie den Prinzen oder die gute Fee explizieren. Doch der Verzicht darauf, die zahlreich vorhandenen Konflikte des Buches ernst zu nehmen, enttäuscht. In einer Szene wird dies besonders deutlich: Wenn Marie wieder einmal an einem Scheidepunkt ihres Lebens auf dem Operationstisch des Arztes liegt, der ihre illegale Abtreibung vorbereitet, werden wir in schwer zu ertragender Grausamkeit Zeugen der Vorbereitungen für den Eingriff. Am Ende wird es nicht so weit kommen; das Ganze gerät in aller Buchstäblichkeit zur Lachnummer – aber das Mitfühlen, auch das Mitleid des Zuschauers bleiben dabei auf der Strecke. Das erste postmoderne Sozialdrama, vermutlich nicht das letzte.
1999-11-30 00:00