— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Sin Eater – Die Seele des Bösen

The Order. USA/D 2003. R,B: Brian Helgeland. K: Nicola Pecorini. S: Kevin Stitt. M: David Torn. D: Heath Ledger, Shannyn Sossamon, Mark Addy, Benno Fürmann u.a.
102 Min. Fox ab 5.2.04

Guten Appetit

Von Dietrich Brüggemann Benno Fürmann wirkte in seinen bisherigen Filmen oft ein wenig, als sei er nicht ganz da. Und genau diese Qualität fällt bei seiner ersten internationalen Rolle so positiv ins Gewicht, daß man sie als möglicherweise intensivsten Auftritt seiner bisherigen Karriere in Erinnerung behält.

Sin Eater ist ein Genre-Film, ein mystischer Thriller, er fällt wie End of Days, Stigmata oder Lost Souls in ein Subgenre, das mit den genannten Filmen vor einigen Jahren, um die Jahrtausendwende, einen kleinen Höhepunkt erlebte: Der katholische Dämonen-Thriller, meistens mehr oder weniger lose entweder an den Exorzisten oder aber an Rosemarie's Baby angelehnt. Sin Eater kommt ohne direkte Bezüge zu diesen beiden Genreklassikern aus, er versucht eine eigenständige Geschichte auf die Beine zu stellen und schlägt sich dabei gar nicht so schlecht, wenngleich er gegen den latenten Verdacht des sinnfreien Schmarrens, der bei dieser Sorte Film meist früher oder später aufkommt, nicht ganz immun ist.

Heath Ledger spielt einen jungen Priester, Mitglied eines Ordens, dem außer ihm nur noch zwei andere angehören. Als einer davon, sein alter Lehrmeister, in Rom tot aufgefunden wird, fährt er mit seinem einzig verbliebenen Mitbruder nach Rom, um dem Fall nachzugehen. Dabei stoßen sie auf eine uralte Legende: Es soll einen Menschen geben, der in der Lage ist, jene Sünden auf sich zu nehmen, die die Kirche nicht vergeben will, doch das Ritual, das er hierbei vollzieht, ist tödlich.

Brian Helgeland ist als Drehbuchautor in Hollywood respektiert und geachtet, als Regisseur ist er eher ein Außenseiter – zu eigenwillig sind seine Projekte, zu wenig hat er Lust, die Klischees von Kommerz- oder Independentfilm zu bedienen. Gerne verzieht er sich zum Drehen nach Europa, weit weg von Hollywood, wo zuletzt Ritter aus Leidenschaft enstand – ein Film, der zwar nicht wirklich funktionierte, aber sich sich an der Kasse gut genug schlug, um die Produktionskosten wieder hereinzufahren und damit vermutlich den Weg freizumachen für Sin Eater.

Der Film lebt zu einem wesentlichen Teil von seinem Drehort Rom. Die Stadt wirkt auf der Leinwand wie eine Welt voller Geheimnisse und jahrtausendealter Traditionen, wunderbar anzuschauen und von magischer Schönheit. Jene Szenen, die diese Ebene verlassen, können da nicht mithalten – der finstere Kerker, in dem eine seltsamer Untergrund-Papst Hof hält und Leute aufhängt, ist nicht nur vor diesem Hintergrund gnadenloser Trash. Die Szenen im Petersdom wiederum sind von erstaunlicher Überzeugungskraft, und man fragt sich unwillkürlich, wie sie denn da die Drehgenehmigung gekriegt haben, was sie natürlich nicht haben, denn das Ganze findet im Studio statt, auch wenn es nicht so aussieht.

Ähnlich zwiespältig sind die sparsamen Spezialeffekte: Erst sehen sie aus wie Tintenfische aus der Playstation, dann am Ende bricht für wenige Sekunden auf einmal ein Gewitter an bizarren Bildern los, wie man es noch nie gesehen hat. Und auch die Geschichte selbst bewegt sich mit großer Entschlossenheit zwischen durchaus tiefsinnigen Reflexionen über die letzten Dinge und altbekannten Klischees. So pendelt der Film zwischen Kolportage und Philosophie, zwischen Bildgewalt und Blödsinn – und wer es am Ende rausreißt, ist dann vermutlich doch Benno Fürmann in der Titelrolle. Sein maskenhaftes Gesicht, seine hypnotischen Augen, sein ganze Erscheinung ist so Hollywood-untypisch, daß der Film allein durch seinen Auftritt eine andere Dimension bekommt.

Schwer vorzustellen, daß diese Rolle angeblich zunächst von Vincent Cassel verkörpert werden sollte, der aber nach drei Wochen wegen »kreativer Differenzen« das Set verließ. Davon ist bei Helgeland natürlich nirgends die Rede – er behauptet, er habe Fürmann in Tykwers Der Krieger und die Kaiserin gesehen und sofort gewußt: Der ist es.

Was man glaubt, bleibt einem selbst überlassen – genauso wie überall sonst im Leben. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap