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Sin City

USA 2005. R: Quentin Tarantino. R,B: Frank Miller. R,B,M,S: Robert Rodriguez. M: John Debney, Graeme Revell. P: Dimensions, Troublemaker. D: Jessica Alba, Benicio Del Toro, Brittany Murphy u.a.
124 Min. Buena Vista ab 11.8.05

Hard boiled Dicks reloaded

Von Franziska Heller Die geographisch-räumliche Lage von (Ba)Sin City – eingekesselt zwischen Hügeln duckt sich das verschachtelte Labyrinth der Hochhäuser – läßt sich anschaulich auf die Beschreibung der ästhetischen und wahrnehmungsmodellierenden Strukturen von Rodriguez' Verfilmung übertragen: ein Sammelbecken inhaltlicher, narrativer und formalästhetischer populärkultureller Elemente. Die Frage, ob dieser Film tatsächlich »direkt aus den Seiten der Original-Comicbücher« entnommen ist – wie die Werbetrommel marktschreierisch das Innovative anpreist – erscheint fast marginal, denn das Zeichenarsenal und topische Universum von Sin City speisen sich aus denselben atmosphärischen Elementen und Symbolen wie der Film noir und seine literarischen Vorläufer der »Hard Boiled School«.

Einzig kann man feststellen, daß der Comic mit seiner auf Exzeß bauenden Farb- und Formästhetik in die audiovisuelle Umsetzung Einzug gehalten hat. Doch was kommt dabei für ein Film heraus, wenn auf eindrückliche Visualität konzipierte Bilder in Bewegung geraten und der Ton hinzukommt? Der Film noir ist hier digital reloaded; zunächst wird aus dem »Noir« ein sich ständig in Bewegung befindendes Grau, das Rodriguez mit den unterschiedlichst abgestuften Farbelementen pointiert. Wenn Josh Hartnett in der allerersten Szene der jungen Frau im rotleuchtenden Kleid in grauer Nacht Feuer gibt, flammen ihre Augen von Grau in Grün auf. Solche Farbentricks durchziehen den ganzen Film. Medienspezifisch interessant werden diese Farbspielchen, wenn das psychoanalytisch aufgeladene Abject des Blutes ebenfalls eine andere Farbe erhält und in blau, grün und besonders viel gelb in die grauen Bilder spritzt.

Den körperlichen Aspekt der »Hard Boiled School« spielt Rodriguez lustvoll aus, da auch seine Protagonisten eben nicht Vernunftmenschen sind, sondern ihre Weltwahrnehmung und Handlungsweisen dem intuitiven, einzig am persönlichen Interesse orientierten Impuls unterliegen. Insofern gehen formale Spitzfindigkeiten und das narrative Motiv der gewalttätigen Rache oft eine Synthese ein; so etwa als der Loner Marv (kaum wiederzuerkennen: Mickey Rourke) an dem frauenfressenden Psychopathen Kevin Rache nimmt: Nachdem Kevin nur noch aus einem Rumpf mit Kopf besteht, läßt Marv einen Wolf den Rest bei lebendigem Leibe auffressen. Dabei springt das Bild ins Profil, reduziert sich auf einfaches, unabgestuftes Schwarz und Weiß. Das Abseitige des Helden erscheint fast wie im eindimensionalen materiellen Negativ des Films.

Eine Qualität von Rodriguez' Film – diese offenbart sich aber leider erst relativ spät im Film – ist die verschachtelte Erzählstruktur. Rodriguez hat drei Geschichten aus den Graphic Novels synthetisiert: »That yellow bastard«, »The big fat kill« und »Sin City«. Aus dieser Verquickung entsteht ein unüberschaubares, multiperspektivisches, durchaus achronologisches filminhärentes Zeichenuniversum, das ständigen Überlagerungen und Umkodierungen unterliegt.

Wie schon in der »Hard Boiled School« sind nicht nur moralische Konstanten wie »Gut und Böse« unterminiert, sondern sämtliche Charakter-, Symbol- und Zeichenkonstruktionen unterliegen allein der momentanen Situation und deren Interesse: Doppelnutzungen von Namen in einer Episode oder episodenübergreifend sind ständig wiederkehrende Elemente. Ergänzt wird dies durch eine Metaebene, die Rodriguez medienspezifisch mit der Besetzung eingezogen hat. Die durch das »Stardom« immer mitklingenden Personae der Starbesetzungen erweitern das filmhistorische Verweispotential auf die aktuelle Film- und Starlandschaft Hollywoods: Elijah Wood kodiert sein Hobbit-Grinsen zum psychopathischen Sadismus um, das sonst so jungfräuliche Gilmore Girl Alexis Bledl spielt eine opportunistische Nutte, Clive Owen wird augenzwinkernd als »Lancelot« von Sin City bezeichnet, und Gastregisseur Tarantino gehört fast untrennbar zum Marketingkonzept des Films.

Doch dies alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß in dieser exzessiven Zitierfreude die Off-Kommentare, die die Gedanken des Hard Boiled Loners in klassischer Manier wiedergeben, in ihrer auditiven Dauerpräsenz etwas abgedroschen und aufgeblasen klingen, da sie den Bildern kaum eine komplexere Sinnebene hinzufügen. Besonders pathetisch-komisch sticht dies heraus, wenn Clive Owen und Rosario Dawson (eine Barb-Wire-Tank Girl-Domina) siegreich auf einem Trümmerhaufen thronen und Owen im Off raunt: »My warrior-woman, my valkyrie…«. Im Zeichenexzeß geraten die Dinge überdeutlich, und diese Szene bedeutet den Tod der sexuell faszinierenden, facettenreichen Spider-Woman des Film noir.

Dahingegen kaum totzukriegen sind die drei Loner Rourke, Owen und Willis. Und wie Rourke alias Marv es formuliert: Man wisse ja, was komme… Ob das Label »Comic-Verfilmung« mit seinem Insistieren auf einen – mehr oder minder – experimentierfreudigen formalen Exzeß diese Handlungsarmut und Eindimensionalität der Charaktere tatsächlich überlagern kann und es ihm gelingt, die Freude am Konsumieren des Films in die formale Genüßlichkeit zu verlagern, bleibt fraglich. Denn es gibt durchaus film- und literaturgeschichtliche Vorläufer, die reflektierter und dadurch verstörender mit dem Zeichenuniversum umgehen, dessen Strukturprinzip auf elementarster Verunsicherung der (Wirklichkeits)Wahrnehmung basiert.

Der Neo-Noir speist sich aus dem Paradox der Voraussetzung von Kenntnis der Stil- und Erzählstrukturen des Hollywoodkinos und zugleich der immanenten Rebellion dagegen. Beim Konsumieren von Sin City bleibt der fade Nachgeschmack, daß diese Rebellion der narrativen Struktur der Gewöhnung vor allem an die Farbspielchen unterliegt. Die Sünden in Basin City erscheinen dadurch gar nicht so schockierend-überraschend im Sammelbecken von Altbekanntem. 1970-01-01 01:00

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