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Sie nennen ihn Radio

Radio. USA 2003. R: Michael Tollin. B: Mike Rich. K: Don Burgess. S: Chris Lebenzon, Harvey Rosenstock. M: James Horner. P: Tollin, Robbins. D: Cuba Gooding jr., Ed Harris, Alfre Woodard, Debra Winger u.a.
109 Min. Columbia TriStar ab 6.5.04

Wolkenkuckucksheim der Menschlichkeit

Von Christoph Pasour Willkommen im »Homeland« des amerikanischen Traums. Hier ist der Footballplatz das Herz des Ortes, hier wird die Jugend fit, übt Teamgeist und sieht außerdem ziemlich gut aus. Der biedere Kordstoff von Trainers Hut und Jackett muffelt nicht, sondern versprüht den angenehmen Charme von Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Menschlichkeit. Hier, in der Provinz des amerikanischen Südens sind die Burger unschuldig, weil die Leute noch nicht genügend Zeit hatten, sich häßlich und krank zu fressen.

Diese frühen 70er Jahre irgendwo in einer Kleinstadt in South Carolina sind jedes sozialen und politischen Rahmens enthoben – eine Bedingung, um eine, wie man so schön sagt, »zeitlose« Geschichte über Freundschaft und Toleranz zu erzählen. James Robert Kennedy, genannt »Radio«, ist schwarz und behindert, freundet sich mit Football-Trainer Harold an und wird dadurch in das Team und in die Gemeinschaft des Ortes wie der Highschool integriert. Eine Geschichte über eine vorbildliche Freundschaft zweier Männer, die, laut Presseheft, »Herz und Verstand der Menschen in ihrer Umgebung erobern«. Regisseur Mike Tollin, Spezialist für Sportfilme, doziert hier zudem über die »verbindende und verändernde Kraft, die Sport in sich haben kann«. Turnvater Jahns würd's freuen.

Entkoppelt müssen sie wohl sein, die Traumorte. Georg Lucas hat das sehr prominent in American Graffiti betrieben, war dabei aber ausreichend klug. Denn dort verlassen manche der Jugendlichen zum Schluß ihre heile Provinz weißer mittelständischer Ignoranz und werden in den bewegten 60er Jahren, wenn nicht das Leben, so doch ihre Unschuld verlieren. Amerika war nach diesem Jahrzehnt nicht mehr dasselbe, und daher darf man Tollins Bestreben, die Unschuld in den frühen 70ern zu reinstallieren und einen Film moralischer Erbauung zu drehen, mit Skepsis betrachten. Bilder sind bekanntlich nicht statisch, sondern zirkulieren und wollen sich verknüpfen. Bögen werden gespannt über Situationen und Jahrzehnte hinweg, und deshalb verweist das gegenwärtige weltpolitische Agieren der USA Tollins begeisterte Inszenierung martialischen Trainingsdrills zurück an den behaupteten historischen Ort: Anfang der 70er dürften Fitness, Kampf- und Teamgeist die Überlebenschance auf dem Schlachtfeld erhöht haben, denn noch immer verschwanden die jungen Wehrpflichtigen in den Bäuchen der Truppentransporter. Im Film allerdings erschöpft sich der Hinweis auf Vietnam im Wort »Vieth-Minh«. Nur nebenbei steht es auf einer Tafel im Klassenzimmer. Als Begriff Nummer sechs oder acht neben anderen Belanglosigkeiten.

Warum Tollin die Geschichte des wahren James Robert Kennedy, die sich Anfang der 60er Jahre zutrug, um zehn Jahre nach hinten verschoben hat, ist nicht klar. Angenehm ist jedoch der Nebeneffekt, die hochbrisante Rassenfrage als Problem leichter ausblenden zu können. An der McCants Junior High School, die einer farbigen Direktorin untersteht, sind Schwarze voll integriert, als wenn sie es schon immer gewesen wären. Soviel Harmonie wäre für die frühen 60er kaum vermittelbar gewesen. 1964 etwa besuchten gerade einmal 2 % der afroamerikanischen Schüler in den Südstaaten zusammen mit Weißen eine Schule. An der rechtlichen Gleichstellung der Rassen arbeitete man seit Jahren, aber praktisch hatte ein Schwarzer noch nicht einmal das Recht, an einer Imbiß-Ecke eine Tasse Kaffe zu trinken.

Als »wahre Geschichte« wird Radio vermarktet (ein Markenzeichen, das jüngst bei Hidalgo als dreiste Märchengeschichte Blüten getrieben hatte) und beschreibt doch nur ein Wolkenkuckucksheim der Menschlichkeit, in dem volkspädagogisch Tugenden gepredigt werden. Es hat sogar etwas Erfrischendes an sich, wenn die Diskurse über das gesellschaftlich Wünschenswerte, das Wertegerüst so klar konturiert hervortreten. Ein wunderbares Land voller wunderbarer Menschen. Natürlich gibt es Konflikte, die allerdings nur bestätigen, daß die gesunde Volksseele mit sich um das stets Bessere ringt. Was hier aus dem Herzen des wiedergewonnenen Amerikas spricht, klingt lächerlich simpel. Aber es ist der Stoff, der »God's own country« in missionarischem Eifer um den Erdball treibt – wo es seine Unschuld verliert. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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