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Sie haben Knut

D/A 2003. R: Stefan Krohmer. B: Daniel Nocke. K: Benedict Neuenfels. S: Stefan Krumbiegel. M: Nick Drake, Donna Summer u.a. P: Home Run Pictures, Allmedia. D: Valerie Koch, Hans-Jochen Wagner, Pit Bukowski, Alexandra Neldel u.a.
107 Min. Alamode ab 30.10.03

Hier kommt Knut

Von Sascha Seiler Das 80er Jahre-Revival trägt mittlerweile seine seltsamsten Früchte. War bereits Anfang der 90er die erste Retro-Welle eingetreten, die sich vornehmlich in Samplern, bestehend aus meist unsäglicher Musik, manifestierte, geht in den letzten Jahren die Tendenz eher in Richtung Re-Modelling. Bands wie Zoot Woman rezipieren die Sophistication der New Romantics, ohne sie nachdrücklich zu ironisieren; vielmehr entsteht ein Konglomerat aus Retro-Romantizismus und dem Wissen um die inzwischen vergangene Zeit. Das Verharren in den ironisch-nostalgischen literarischen Rückblicken eines Frank Goosen oder Florian Illies setzen junge deutsche Filmemacher immer häufiger einen Hang zur Detailliebe entgegen, die sich abgrenzt vom überheblichen lyrischen Ich. Am besten zu beobachten in Hendrik Handloetgens wunderbarer, weil wahrhaft detailversessener Pubertätsstudie Paul is Dead. So ist es kein Zufall, daß er sich als nächstes an Goosens Roman Liegen lernen versuchte und wiederum bewies, daß das Visuelle eine viel höhere Erinnerungskraft zu evozieren vermag als die Machwerke mittelmäßiger Schriftsteller.

Stefan Krohmers Kinodebüt Sie haben Knut beschäftigt sich mit der Welt der alternativen Szene Anfang der 80er Jahre, ein fast vergessenes Paralleluniversum zum aufkommenden Chic, das sich in den aus den 70ern hinüber geretteten und zeitgemäß angepaßten Codes manifestierte. Daß die Ideale, sollten sie tatsächlich als solche existiert haben, vom Aussterben betroffen sind und daß der letzte verzweifelte Versuch, sie in das Ich-Jahrzehnt zu retten, zum Scheitern verurteilt sind, machen die Figuren dieses doch recht intimen Kammerspiels auf unterschiedliche Weise nur allzu deutlich. Da ist zum einen der Ökofaschist Wolfgang, der seinen fast diktatorischen Verständniszwang und Egalitätssinn als Terrorwaffe gegen seine Mitmenschen einsetzt: »Du, das müssen wir aber erst in der Gruppe ausdiskutieren.« Daß die Gruppe das vielleicht gar nicht will, führt zu Verwirrungen in Wolfgangs Psyche und letztendlich zu einer harmlosen Gewalttat gegen den Proleten unter den Alternativen, den Skilehrer Rolf.

Die bewußte ironische Überzeichnung von Wolfgang und auch vieler anderer, wie dem allein erziehenden Vater Lutz oder dem Hallodri Knut, den die Staatsgewalt lediglich in Wolfgangs blühender Phantasie in Gewahrsam genommen hat, dient dem Regisseur als Mittel, die Hauptfigur Ingo und den perversen 13jährigen Niklas als Allegorien für die neue Zeit zu sehen. Während Niklas nur Verachtung für das Pseudoverständnis der Älteren übrig hat, geht es dem an Otti Fischer erinnernden Ingo erstmal nur um sich selbst – ein für die Gemeinschaft der sozial Aufgeklärten untragbarer Zustand. Es ist mehr als eine kleine symbolische Geste, wenn gerade diese beiden Figuren sich am Ende des Films räumlich vom Geschehen entfernen; sie scheinen, jeder auf seine Art, als einzige in der Lage zu sein, den Weg in die neue Zeit ohne Gesichtsverlust begehen zu können.

Und doch scheint sich Krohmer nicht ganz entscheiden zu können, ob er nun eine überzeichnete Komödie oder eine von sozialen Begebenheiten forcierte Liebesgeschichte drehen möchte. Zu intim wirkt die Anfangseinstellung, in der Ingo seiner Freundin Nadja klarzumachen versucht, daß sie in der Einsamkeit der Hütte sind, um ihre Beziehung zu retten. Zu harsch der Bruch, als die Ökos plötzlich wie die Termiten einfallen. Und so kann sich der Film manchmal zwischen Slapstick, einem leicht überheblichen Lachen über die Vergangenheit und ernsthaftem Kammerspiel nicht entscheiden. Und doch ist er lustig in seiner perfekten Nachbildung einer Geisteshaltung und bewegend in seiner Erkenntnis, daß die Bedingungen der Liebe zwischen zwei Menschen sich nie ändern werden, ob sie nun Palästinenserschals tragen oder Nasenringe. 1970-01-01 01:00

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