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Shrek der Dritte

Shrek the Third. USA 2007. R: Chris Miller, Raman Hui. B: Howard Gould, Jeffrey Price, Peter S. Seaman u.a. S: Michael Andrews. M: Harry Gregson-Williams. P: Dreamworks, Pacific Data Images.
92 Min. Universal ab 21.6.07

Ein komödiantisches Kaleidoskop

Von Martin Thomson Seitdem beinahe jedes Hollywood-Studio über eine eigene Animationsfilm-Abteilung verfügt, ist das ehemals für kreative Höchstleistungen bekannte Genre Tummelplatz für durchschnittliche Schnellschuß-Unterhaltung geworden. Die Zeiten sind vorbei, als idealistische Computerhacker aus dem Hause Pixar die muffigen Disney-Konventionen zugunsten einer modernen Herangehensweise an abendfüllender Trickfilm-Unterhaltung entstaubten; die Revolution ist inzwischen Konvention. Mit Ausnahme eines grünen Märchenwesens, dem es mit jedem Auftritt gelingt, harmloser Kinderunterhaltung den Kampf anzusagen.

Wo sich die inzwischen ausgestorbenen Disney-Zeichentrickfilme noch bis in die 1990er Jahre hinein eines Motivrepertoires bedienten, das den stilistischen Normen seiner Hochphase in den konservativen 1940er und 1950er Jahren gehorchte, scheint sich im Animationsfilm-Millieu ein Kanon herauskristallisiert zu haben, der die ehemals in kitschiger Manier umgesetzten Themen Romantik, Familie, Freundschaft und Selbstfindung in Bezug zu popkulturellen Parametern setzt; dies bedingt, daß selbst inszenatorische Zugeständnisse am Sentiment so kalkuliert sind, daß sie immer noch einen Freiraum für Selbstironie offenlassen. Während Pixar mit Filmen wie Finding Nemo oder Toy Story die Disney-Doktrin nur marginal verletzte, lag der quintessentielle humoristische Reiz der Shrek-Filme, die wiederum vom Konkurrenten Dreamworks kreiert wurden, seit jeher in der radikalen Verletzung aller konservativen Grundsätze des Micky Maus-Unternehmens.

In der ersten Szene des Films fällt die Bühne in sich zusammen, auf der Prince Charming, der ausgestoßene Intrigant aus dem zweiten Teil, in einer großräumigen Kneipe und vor allerlei verprellten Bösewichten ein Stück auf Glanz und Glorie der einst berittenen Helden in Rüstung aufführt; im postmodernen Shrek-Universum glänzt das Alte nicht durch klassische Anmut, sondern ist morsch gewordenes Gestern. Am Ende, als den frustrierten Bösen die Okkupation des Märchenreiches »Weit Weit Weg« gelingt, sind es die Rock'n'Roll-Fanfaren von Led Zeppelin, mit denen die Guten ihre Herrschaft zurückerlangen; freilich nachdem sie ihre Feinde durch eine Musical-Einlage lahmlegten, wie sie einer Disney-Schmonzette entstammen könnte. Die Bühne wiederum, die zu Beginn in sich zusammen stürzte und nun von Prince Charming in der Hoffnung bespielt wird, seine antiken Vorstellungen von Heldenmut zu reanimieren, ist unter den Umständen, daß er seine Macht wiedererlangt hat, weitaus stabiler; dem modernen Kulturverständnis, das in Shrek personifiziert wird, kann sie jedoch nicht standhalten. Die Trotzigkeit des Ogers, seine Gleichgültigkeit gegenüber Obrigkeit und Herrscherwille kommen besser an als das verklärende Schmierentheater eines von Selbstinszenierung verwöhnten Schönlings.

Shrek, der den dreckigen Sumpf einem Leben in viktorianischer Sterilität vorzieht, ist eine Kunstfigur zwischen Öko-Bewegung und Slacker-Mentalität. Es sind die bürgerlichen Zwangsvorstellungen um Bindung, Heirat und (im vorliegenden Sequel) Familie, die den An- und Gegentrieb dieser Figur ausmachen und die aus ihm diese populäre Identifikationsfigur einer orientierungslosen Generation schaffen, die zwischen Unangepaßtheit und Konvention einen persönlichen Mittelweg zu finden versucht. Auch im dritten Teil gelingt es den Shrek-Machern der rebellischen Essenz ihrer Grundidee durch visuellen Einfallsreichtum Rechnung zu tragen; in jeder Szenen gibt es so viele Anspielungen zu erhaschen, so intelligente Details zu erspähen, daß der zweite Ableger einer der erfolgreichsten Filmreihen zu einem komödiantischen Kaleidoskop gerät, einem Unterhaltungsfilm, der mit allen Raffinessen der Animationsfilmkunst ein perfektes Popkultur-Destillat kreiert, über das sich ungehemmt lachen läßt. 1970-01-01 01:00
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