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Shortbus

USA 2006. R,B: John Cameron Mitchell. K: Frank G. DeMarco. S: Brian A. Kates. M: Yo La Tengo. P: Process Productions, Q Television. D: Lee Sook-Yin, Paul Dawson, Lindsay Beamish u.a.
102 Min. Senator ab 19.10.06

Sex Not Bombs

Von Cornelis Hähnel Während im traditionell gelben US-Schulbus die »normalen« Kinder bereits Pausenbrote bzw. Liebesbriefchen tauschen und sich Kaba in den Rücken schmeißen, ruckelt ein paar Wagen dahinter der Shortbus mit den etwas Anderen, den Behinderten und psychisch Kranken, Richtung Schule. Regisseur John Cameron Mitchell hat die kleinere Version des Transportmittels zum Synonym und Bezugspunkt für die Protagonisten seines gleichnamigen Films gewählt.

Die Sextherapeutin Sofia führt mit ihrem Mann Rob eine glückliche Beziehung und hilft ihren Patienten, über Probleme des unerfüllten Sexuallebens hinwegzukommen. Nur hat sie selber, trotz Kenntnis sämtlicher athletisch fortgeschrittener Kama-Sutra Positionen noch nie einen Orgasmus gehabt. Bei dem ebenfalls seit Jahren verliebten Paar James und Jamie läuft es im Bett, bedingt durch jahrelange Routine, nicht mehr so befriedigend, und sie beschließen, Sofias Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch die Therapiestunde offenbart nicht nur die Probleme der doppelten Jamies, auch Sofia gesteht ihre Unbefriedigtheit und wird von beiden in den Shortbus-Club eingeladen, ein Ort sexueller Befreiung in allen Spielarten. Dort treffen alle aufeinander und versuchen, ihre Sehnsüchte und Träume zu erkennen und zu verwirklichen.

Nach seinem ausgezeichneten Debütfilm Hedwig and the Angry Inch wagt Mitchell einen Blick auf die Leidenschaft in New York nach dem 11. September. Die Suche nach Anerkennung und Liebe ebenso wie nach körperlicher Befriedigung stehen dabei im Vordergrund. Episodenhaft und explizit erfaßt die Kamera den facettenreichen Sex, vom Autofellatio über Gruppensex bis hin zum schwulen Dreier. Doch anders als bei den sogenannten Arthouse-Pornos von Breillat bis hin zu Chéreau, wo der Sexualität meist eine egonarkotische Abstumpfung und verstörende Gefühlskälte immanent ist, steht hier der Humor im Vordergrund. Die Selbstverständlichkeit, Spaß am Sex zu empfinden, wird herausgearbeitet, ohne dabei die Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Bedingt durch den natürlichen Umgang mit dieser Thematik als einem essentiellen Teil des Lebens wird der Sex hier sogar zum politischen Statement, zur eindeutigen Regierungs- und Gesellschaftskritik. Dies wird spätestens deutlich, wenn bei der homosexuellen Ménage à trois die amerikanische Nationalhymne in die Erektion des Vordermanns gesungen wird.

Dank der wunderbar ausgearbeiteten Charaktere, urkomischen Dialoge und einer Prise Selbstironie ist Shortbus kein voyeuristischer Sexfilm geworden, sondern ein Appell für das Recht auf Selbstverwirklichung und ein Plädoyer für die reine Liebe. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.

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