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Shnat Effes – Die Geschichte vom bösen Wolf

Shnat Effes. IL 2004. R,B: Joseph Pitchhadze. B,S: Dov Stoyer. K: Itai Ne'eman. P: Lior Shefer. D: Menashe Noy, Sarah Adler, Moni Moshonov, Jack Adalist u.a.
131 Min. Mec Film ab 13.4.06

L.A. Crash in Tel Aviv

Von Vera Schroeder »Leben ist das Ergebnis all der Dinge, die man niemals geplant hat«, sagt der ältere Mann zu dem jüngeren, der sich später als sein Sohn herausstellt. Episodenfilme setzen sich aus den Geschichten all der Menschen zusammen, die sich in Wirklichkeit niemals getroffen hätten – im Kino jedoch dürfen sie sich begegnen. So persönlich und ausschnitthaft die einzelnen kleinen Geschichten sein mögen, durch ihre Verknüpfung auf der Leinwand entsteht ein Netz, welches bestenfalls ein Stimmungsbild schafft, eines Milieus, einer Nacht, einer Altersgruppe – oder eben das Bild einer Stadt.

Shnat Effes von Joseph Pitchhadze ist ein Episodenfilm über und aus Tel Aviv zu Anfang des neuen Jahrtausends. Es geht um Menschen, die scheitern, sich selbst ins Unglück stürzen oder auch einfach nur Pech haben – sie alle erleben einen Tiefpunkt, von dem aus sie irgendwie neu starten müssen. Manche sind erfolgreich dabei, andere nicht. Doch egal, wie persönlich das Scheitern des Einzelnen ist, am Ende laufen die Geschichten des Films auf ein Gefühl hinaus: das Gefühl der Last der gesellschaftlichen Kälte in einer Stadt wie Tel Aviv in den Jahren der wirtschaftlichen und politischen Krise.

Los Angeles ist 12.151 Kilometer von Tel Aviv entfernt, und Paul Haggis' grandioser Oscarfilm L.A. Crash ist um einiges aufwendiger und teurer als diese kleine israelische Produktion. Und trotzdem liegt der Vergleich dieser beiden Episodenfilme nahe. Die Crashs in L.A. sind zwar lauter und effektvoller als die kleinen Geschichten vom bösen Wolf in Tel Aviv, doch die Tiefpunkte greifen bei allen Menschen gleich hart in beiden Filmen. Und sie wirken beim Zuschauer. Der Effekt des Episodenfilms ist es nun, daß die einzelnen, für sich tieftraurigen und hoffnungslosen Geschichten in ihrer Verknüpfung leichter werden. Dadurch, daß jeder dieser Menschen sein Päckchen zu tragen hat, ist das einzelne Schicksal erträglicher, ab und zu gibt es sogar etwas Hoffnung. Shnat Effes ist ein schöner, dezenter Film geworden, trotz mancher langer Zooms und Zeitlupeneinsätze, kombiniert mit emotionaler Musik. Auch einige aufdringliche Zeichen, wie die Gefängnissymbolik, die die durch den wirtschaftlichen Druck in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkte Mutter Anna immer wieder hinter Gitterzäunen zeigt, muß man nicht mögen. Wirklich anhaben können sie dem Film nichts.

Am Schluß liest ein Kind in einer Rückblende seinem vermeintlichen Vater die Geschichte vom bösen Wolf vor. Die Kamera verfolgt währenddessen die anderen Handlungsstränge zu ihrem vorläufigen Ende. Und einmal mehr ist man darüber erstaunt, daß ein guter Episodenfilm es mit so wenig Zeit für jede einzelne Geschichte schafft, so viel insgesamt auszusagen. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #42.
© 2012, Schnitt Online

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