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Shadow of the Vampire

USA 2000. R: Elias Merhige. B: Steven Katz. K: Lou Bogue. S: Chris Wyatt. M: Dan Jones. P: Paul Brooks. D: John Malkovich, Willem Dafoe, Cary Elwes, Catherine McCormack, Udo Kier u.a.
91 Min. Fox an 21.6.01

Reale Fiktion und fiktionale Realität

Von Sascha Seiler »If it's not in the frame, it's not real.« Diese wie ein Mantra wiederholten Sätze des von John Malkovich dargestellten F.W. Murnau am Ende von Elias Merhiges Shadow of the Vampire bilden das theoretische Konstrukt, auf dem die Geschichte des Films gebaut ist.

Die Thematisierung jenes höheren Anspruchs an Wahrheit, den ein Bild vor der menschlichen Erinnerung fordert, kommt dem Cineasten sicherlich vertraut vor: In Michelangelo Antonionis Blow Up steht die Frage nach der Realität des im Bild Dargestellten im Mittelpunkt, die Absolutheit des Blicks, wenn er auf eine einzelne Abbildung reduziert wird und den Kontext ignoriert. Die Subjektivität des Schauens wird bei Antonioni vor allem in der letzten Szene des Films deutlich, in welcher der Protagonist sich auf ein pantomimisches Tennisspiel einläßt und der Regisseur dem Zuschauer auf diese Art deutlich macht, wie absolut der subjektive Blick auf eine Realität sein kann, die nur noch anhand einer Verkörperung jenes Blickes – sei es Photografie oder Film – real existent ist.

Oft wird in der Diskussion um Antonionis Film vergessen, daß er nicht hauptsächlich eine schön bebilderte Hommage an das Swinging London der 60er Jahre ist, sondern die Verfilmung einer Kurzgeschichte des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar namens »Die Lefzen des Teufels«. Diese ist aus der Perspektive einer Fotokamera geschrieben und stellt genau jene Frage nach der Realität des Dargestellten in den Mittelpunkt, wobei die Kamera selbst dem Leser naturgemäß die akkuratesten Informationen über Wirklichkeit und Täuschung liefern kann.

Da in Shadow of the Vampire gerade die Realität des eingefangenen Bildes jene ist, die nicht in Frage gestellt werden darf, weil sie – hier gerät der Film in die schwierigen Gefilde einer zweiten, filmhistorischen Metaebene – für den Zuschauer historisch verbürgt ist, kann die einzige tatsächliche Fiktion des Films nur noch die von Elias Merhige betriebene Rekreation der angeblichen Wirklichkeit sein. Diese stellt nun die schwierigen Dreharbeiten zu Murnaus Nosferatu dar, die durch dessen Perfektionismus insofern erschwert werden, als daß er einen echten Vampir für die Titelrolle engagiert hat. Der Zuschauer gerät in einen kaum zu entwirrenden Strudel von realer Fiktion und fiktiver Realität, da jene schon erwähnte Existenz zweier Metaebenen zwar nicht das Verständnis erschwert, dafür aber umso mehr die Suche nach dem Sinn eines solchen Films

Dadurch, daß Shadow of the Vampire souverän mit seinen Erzählebenen spielt und auch technisch auf höchstem Niveau inszeniert ist, versäumt es der Film leider – man traut es sich in solch einem Zusammenhang kaum zu sagen – den Zuschauer zu unterhalten. Er ist weder spannend noch besonders komisch- trotz einiger genialer komödiantischer Einlagen von Nosferatu Willem Dafoe. Shadow of the Vampire möchte eine gelungene Reflexion über Kino sein, verliert sich in seiner Mischung aus Historizität, Reflexion und dem Versuch, dennoch zu unterhalten in einem Zwischenraum, aus dem es ihm selten gelingt, zu fliehen. 1970-01-01 01:00
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