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September

D 2003. R,B: Max Färberböck. B: Moritz Rinke u.a. K: Carl-Friedrich Koschnick. S: Ewa Lind. M: Dario Marianelli. P: Zero Film. D: Nina Proll, Catharina Schuchmann, Justus von Dohnányi, Jörg Schüttauf, Moritz Rinke u.a.
109 Min. X Verleih ab 26.6.03

Alles wieder gut

Von Thomas Waitz Mit September feiert ein bekanntes Genre im deutschen Kino seine hundertste Wiederauferstehung: der Thesenfilm. Das Problem in diesem Fall ist allerdings: Es gibt keine These. Max Färberböck beschäftigt sich mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York, indem er fragt, welche Folgen dieses Ereignis für einige prototypisch beobachtete Figuren in Deutschland hat. Um eine Antwort vorwegzunehmen: Die politische Dimension des Attentats scheint für Färberböck offensichtlich keine Rolle zu spielen, statt dessen sucht er nach den Abzeichen im Privatleben seiner Figuren.

Es treten also auf: Julia und Philipp Scholz, ein Paar aus der sozialen Oberschicht, das zwar nichts mit sich anzufangen weiß, aber finanziell nicht eingeschränkt ist. Das Abziehbild eines Intellektuellen, von Moritz Rinke in vermutlich autopoietischer Absicht recht denunziatorisch angelegt. Die schwangere Freundin eines pakistanischen Pizzabäckers, die von ihrem Freund eine Entschuldigung angesichts des Attentats einfordert. Und schließlich ein SEK-Beamter, der mit seinem Stiefsohn Probleme hat. Was hat das, wenn schon nichts mit Politik, dann wenigstens mit der humanitären Krise des 11. September zu tun?

Rundheraus gesagt: nichts – es sei denn, man flüchtet sich wie Färberböck ins Esoterische: »Diese ganzen Menschen können doch nicht umsonst gestorben sein. Das muß doch etwas zu bedeuten haben – für uns alle«, fragt sich gegen Ende eine der Figuren, und es scheint, als sei eben dies auch genau jene Frage gewesen, die den Regisseur dazu angestiftet haben mag, diesen Film zu machen. Eine Antwort hat er – bei seinem Ansatz verständlicherweise – nicht parat, dafür aber eine Strategie: die Überführung der Politik ins Melodramatische. Wenn aber die Attentäter des 11. September mit ihrer Tat dazu beigetragen haben sollten, daß in Deutschland der eine oder andere, wie es der Film nahelegt, zu seiner Familie zurückkehrt oder versucht, seine Ehe zu retten, dann hatte das alles doch auch etwas Gutes – oder?

So unerträglich dieser Gedanke ist, so unerträglich ist Färberböcks Film, der sich stets im falschen Moment für Sentimentalität statt Mitfühlen und für Fassungslosigkeit statt Innehalten entscheidet und letztlich eine verquaste Position zwischen rückbezüglicher Innerlichkeit und billiger Kulturkritik einnimmt. Diese Kulturkritik offenbart ihre intellektuelle Erbärmlichkeit, wenn sie darin gipfelt, daß die televisionäre Gleichzeitigkeit von Volksmusiksendungen und Osama Bin Laden in kritischer Absicht zusammengeschnitten wird. Das ganze Dilemma des filmischen Konzepts faßt Moritz Rinke im Film jedoch bezeichnenderweise einmal so zusammen: »Um fünfzehn Uhr fünfzehn begann ich eine Banane zu essen, und als ich sie um fünfzehn Uhr zwanzig aufgegessen hatte, war nichts mehr wie zuvor.« Vor allem nicht für die Banane, möchte man da anmerken. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #31.
© 2012, Schnitt Online

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