— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Seit Otar fort ist…

Depuis qu'Otar est parti. F/B 2003. R,B: Julie Bertucelli. B: Bernard Renucci, Roger Bohbot. K: Christophe Pollock. S: Emanuelle Castro. M: Emmanuel de Chauvigny. P: Le Film du Poisson, Entre Chien et Loup. D: Esther Gorintin, Nino Khomassouridze, Dinara Droukarova, Temour Kalandadze u.a.
102 Min. Movienet ab 6.5.04

Pour Homme

Von Thomas Warnecke Kann ein Mann, zumindest einer, der kein Franzose ist, französische Filme mögen? Jetzt nicht so Lino-Ventura-und-Alain-Delon-Teile, mehr solche wie diesen hier, in dessen Mittelpunkt Großmutter, Mutter und Tochter stehen, die alle drei un- bzw. nicht mehr bemannt unter einem Dach wohnen? Das gab es zuletzt in Marleen Gorris' Antonias Welt und war der Wunschtraum einer Regisseurin vom matriarchalischen Idyll. Nichts von dessen ländlicher Behaglichkeit in Julie Bertucellis erstem Spielfilm, statt dessen sonnenbeschienene Plattenbautristesse in Tiflis. Ihr Sohn Otar ist Omas ganzer Stolz, vielleicht noch ihre Enkelin Ada, weil die die Briefe, die Otar aus Paris schickt, mit echtem Gefühl vorzutragen versteht, was Tochter Marina nicht gelingt, der aber in den Augen ihrer Mutter sowieso nicht viel gelingt. So weit, so Frauen eben. Dann stirbt Otar, und Ada und Marina lassen ihn in seinen Briefen weiterleben, weil sie Oma den Schmerz über diesen Verlust nicht zumuten wollen. Rührend klingt das, nach Herzschmerz und betulichem Wohlfühlfilm für über vierzigjährige – Frauen. Und 68er Erdkundelehrer, die ihren Sommerurlaub rotweintrinkend auf Campingplätzen in der Bretagne verbringen. Und…

Ist natürlich ein billiger Kritikertrick, mit einer provozierend klingenden, aber eigentlich blöden Frage zu beginnen und dann die Klischees in Stellung zu bringen, um sie mit einem Kritikerfederstreich hinwegzumetzeln bzw. als Unsinn zu entlarven. Doch lehrt die Erfahrung, daß das Publikum solcher Filme tatsächlich oft dem Klischee entspricht. Na und? Gegen über vierzigjährige Frauen ist überhaupt nichts und gegen 68er Erdkundelehrer auch nur einzuwenden, daß sie 68er sind und Erdkunde unterrichten. Und überhaupt: Seit Otar fort ist ist nicht so, wie die Handlung klingt. Bzw. wie bei allen französischen Filmen, also bei solchen, die Freunde und Gegner meinen, wenn sie »französische Filme« sagen, ist die Handlung nur Vorwand für Bilder, die Stimmungen vermitteln. Solche Filme sind das Produkt einer verfeinerten, taktvollen und zugleich sinnlichen Wahrnehmung, die mit einem Minimum an Musik auskommen; in Bertucellis Film gibt es überhaupt keine außer den Liedern, die die Figuren singen. Selbstredend kommen solche Filme auch ohne Videogefuchtel und ohne vorheriges Manifest aus. Nicht aber, und da berühren wir vielleicht das »Männer-Problem«, ohne ein mitfühlendes Sehen.

Kommen wir zum letzten Klischee unserer Schlemmerreise durch die französische Filmküche: dem Französische-Filme-Kritiker: Ein sich mitunter öligster Lobhudeleien schuldig machender, natürlich hühnerbrüstiger und bebrillter Spargeltarzan mit schlechten Sportnoten, der sich unbemerkt von seinen Freunden in die Nachmittagsvorstellung der Claude Sautet-Retrospektive schleicht – oder eben in Seit Otar fort ist – um zu genießen, wie ihm bei fortschreitendem Filmverlauf das Herz aufgeht… Wie gesagt, wenn er dann drüber schreiben soll, wird's ölig-bekennerhaft, aber zum Glück hat er ja, damit sich das Klischee vollständig erfülle, seinen Truffaut im Regal stehen, den er dann zitiert: »Dieser Film ist die Geschichte eurer Stirn, eurer Nase, eurer Augen, eurer Haare«, schreibt der über Vincent, François, Paul et les autres, einem sozusagen männlichen Vorfahren von Julie Bertucellis Film. »Dokumentarfilm« hat Truffaut Sautets Film genannt, und tatsächliche Dokumentarfilme hat Julie Bertucelli bisher gedreht. Vielleicht ist ihr deswegen, und nicht nur wegen ihrer Mitarbeit bei Otar Iosseliani oder der Frankophilie Georgiens, eine so einfühlsame Darstellung georgischen Lebens gelungen, trotzdem oder genau deswegen gilt für ihren Film, was Truffaut über Sautets Film schrieb: Er ist »französisch, französisch, französisch.« Es gibt spektakulärere Filme, aber kaum: schönere. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap