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Sein und Haben

Être et avoir. F 2002. R,K,S: Nicolas Philibert. K: Laurent Didier, Katell Dijan, Hugues Gemignani. M: Philippe Hersant. P: Canal+, Gimages 4 u.a. D: Georges Lopez u.a.
104 Min. Ventura ab 16.1.03

Eine Klasse für sich

Von Thilo Wydra »Monsieur, monsieur, mais l'ours, je n'ai pas encore fais l'ours.« Der kleine Jojo hat den Bären noch nicht ausgemalt, und Monsieur, der Herr, der Lehrer, hat doch schon aufgerufen. Jojo muß sich beeilen. Und er soll doch auch noch etwas anderes lernen. Wieso wir alle hier seien, fragt Monsieur Lopez später den kleinen Jojo, der von einer Offenheit, Unschuld und Unmittelbarkeit ist, die sofort berührt. Pourquoi? Mais Monsieur, um all diese Dinge hier zu machen und um zu lernen. Et oui! Und Georges Lopez schickt Jojo endlich in die wohlverdiente Pause. Seit über 20 Jahren macht er das nun schon, unterrichtet in einer Ein-Klassen-Schule in der südfranzösischen Provinz, irgendwo in der Auvergne, wo der ganztägige Schulalltag zwischen 13 Kindern verschiedener Altersstufen, vom Kindergartenalter bis hin zur fünften Klasse, ihrem Lehrer wie eine naturgegebene Selbstverständlichkeit anmutet. Da sitzt ganz Klein neben Mittelgroß, allesamt in einem Raum, malen, schreiben, rechnen, singen, lachen, weinen, schreien – und es scheint, als sei zumindest hier, in diesem beschaulich-geschützten Mikrokosmos, fernab jeglichen lauten Treibens, irgendwie die Welt doch noch in Ordnung. Und auf dem Fußboden krabbeln die zwei Schildkröten umher. Hier in Frankreich gibt es das noch immer, auch wenn es stetig weniger werden. Diese 400 Schulen, in denen die Kleinen auf ein soziales Miteinander da draußen in der Welt vorbereitet und die Lehrer für ihre Zöglinge quasi ein drittes Elternteil werden – so wie der sympathisch-ruhige Monsieur Lopez mit seinem Rauschebart.

Mit einem der schon etwas Älteren sitzt er einmal draußen auf der Bank im Garten, und der Junge hat Angst, daß sein schwerkranker Vater stirbt. Er weint, ist verzweifelt. Und Monsieur Lopez hört ihm zu, versucht ihm Kraft zu geben – Hoffnung auch. Das ist von einer ungemein großen Intensität und Dichte und Authentizität und Ehrlichkeit, das ist mit einer bewundernswerten Zurückhaltung gefilmt, die Kamera (Katell Dijan und Laurent Didier), das kleine Filmteam, scheint völlig vergessen, scheint nicht zu stören, nein, sie scheint der »Komplize« der Handelnden geworden zu sein. Hierin liegt eine der nicht zu unterschätzenden Leistungen des 51jährigen namhaften französischen Doku-Autorenfilmers Nicolas Philibert (Le pays des sourds), der seinen Film, zu dem er ursprünglich einmal 60 Stunden Material gedreht hatte, übrigens auch selbst geschnitten hat.

Sein und Haben ist ein kleines filmisches Juwel, ein zärtlicher Film, durch und durch durchdrungen von einem aufrichtig humanistischen Gedanken. Und vielleicht einfach nur ganz schlicht über les choses de la vie, über die Dinge des Lebens. Der Film zog in Frankreich verdientermaßen und sensationellerweise bereits knapp 1,5 Millionen Zuschauer an. Zudem erhielt Sein und Haben im Dezember auf der 15. Europäischen Filmpreis-Verleihung in Rom den Europäischen Dokumentarfilmpreis Prix Arte.

Am Schluß dann, da zeigt Nicolas Philibert den letzten Schultag. Das Jahr ist vorüber, Monsieur Lopez muß Abschied nehmen von seinen Kindern. Eine wunderbar unaufdringlich eingefangene, ja, tief berührende, bewegende Szene: Alle gehen sie langsam raus aus dem Klassenraum, jeder bleibt bei Monsieur Lopez im Türrahmen stehen, und es werden Küßchen verteilt, manchmal muß er sich auch hinknien, so klein sind einige von ihnen. Au revoir, Monsieur Lopez – Au revoir, mon petit Jojo. Irgendwann, da sind sie alle vorbeigelaufen an ihm, sind alle weg, ist der Klassenraum leer. Stille, wo eben noch Leben tobte. Tränen haben sich hinter Monsieur Lopez' Brille angesammelt, kaum sichtbar, verhaltene Tränen, könnte er doch ihr Vater sein. Es sind Tränen des Abschieds und voller Liebe. Er hat wieder einen Teil seines Lebens mit ihnen verbracht. Viele von ihnen wird Monsieur Lopez wohl nie wieder sehen. 1970-01-01 01:00

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