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Sein Bruder

Son frère. F 2002. R,B: Patrice Chéreau. B: Anne-Louise Trividic. K: Eric Gautier. S: François Gédigier. P: Azor Films, Arte France, Love Streams. D: Bruno Todeschini, Eric Caravaca, Nathalie Boutefeu, Catherine Ferran u.a.
95 Min. Concorde ab 6.11.03

Unter Brüdern

Von Thilo Wydra Thomas leidet an einer Blutkrankheit. Sie ist unheilbar. Thomas wird sterben, früher oder später, wann genau, das weiß niemand, am wenigsten die Ärzte. Thomas und sein jüngerer Bruder Luc haben seit Jahren schon keinen Kontakt mehr. Fremdheit hat sich zwischen ihnen eingeschlichen. Thomas meldet sich bei Luc, steht plötzlich vor seiner Tür. Erzählt von seiner Krankheit. Irgendwie diese Fremdheit durchbrechen, sich irgendwie wieder einander annähern. Sie fahren gemeinsam zum Haus der Familie, raus ans Meer, irgendwo an der französischen Atlantikküste. Immer wieder muß Thomas ins Krankenhaus, blutet. Immer wieder muß Luc das Leiden mittragen und ertragen. So kommen sich die beiden ungleichen Brüder näher, während Thomas immer weniger Zeit hat…

Auf der Berlinale 2001 erhielt er für Intimacy den Goldenen Bären, auf der diesjährigen Berlinale ging der Silberne Bär für die Beste Regie wiederum an ihn, für seine jüngste Arbeit, Sein Bruder. Regisseur und Autor Patrice Chéreau legt mit seinem neunten Film ein Bruderdrama ab, ein klein angelegtes Doppelporträt, das allerdings allzu prätentiös geraten ist. Sein Bruder wurde schnell und unaufwendig gedreht, mit verwackelter Handkamera und grobkörnigen Bildern (Kamera: Eric Gautier, Irina Lubtchansky). Das ist, seit Lars von Trier & Co. das Dogma 95 ausgerufen haben und sich inzwischen längst selbst nicht mehr dran halten, alles andere als neu. Doch vom formal-stilistischen Rahmen einmal abgesehen vermag Chéreaus Geschichte nicht recht zu überzeugen.

Manchmal wird etwas zu sehr auf die Leidenstube gedrückt, manchmal kommt – pardon! – eine homoerotische Ästhetik einfach zu sehr durch. Da wird Thomas' nackter Körper immer wieder von der Kamera abgefilmt, beinahe genußvoll, so scheint es, wie er da liegt, im Krankenbett, gerade wieder weggetreten und bewußtlos, während sein Bruder Luc am Fenster steht und ihn still beobachtet, bis die Schwestern kommen. Jene Sequenzen, in denen er vor einer Operation rasiert wird, scheinen eine kleine Ewigkeit zu dauern. Chéreau, der sich in seinen Filmen schon immer dem Sexuellen widmete – auch und gerade in Intimacy – er gibt dem Bruder-Verhältnis eine durchaus doppeldeutig-ambivalent konnotierte Note, läßt zwischen den beiden eine Zuneigung (Liebe?) aufkeimen, die über eine normale brüderliche Beziehung deutlich hinausgeht. Zwei Fremde, die ihre familiär-verwandtschaftliche Bindung längst nicht mehr leben, sich jetzt neu begegnen und ineinander verlieben? Dagegen spricht, daß bei beiden alte Wunden aufbrechen, je länger sie über Vergangenes, über Verpaßtes reden. Da kommen Vorwürfe, sich nicht umeinander gekümmert zu haben, sind Verletzungen wieder präsent, die man vergessen wähnte.

So legt sich der Schatten der Vergangenheit doch über sie, holt sie ein, übermannt sie. Aber Thomas und Luc halten urplötzlich zusammen, wie aus dem Nichts kommt das bei diesen Zweien, die sich nicht gesucht und doch gefunden haben. Und gerade Luc ist es dabei, der sich nahezu altruistisch aufzuopfern scheint für das bald erlöschende Leben seines älteren Bruders. Ist es das schlechte Gewissen der zunächst notgedrungenen Annäherung? Patrice Chéreau mag die Dinge bewußt offen lassen, was zunächst nicht weiter schlimm ist. Aber vielleicht hätte er sich in dieser zwischen zwei Projekte schnell eingeschobenen Low-Budget-Produktion doch klarer über sein veritables Sujet sein sollen. 1970-01-01 01:00

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